Die Traumatologie umfaßt die Diagnose und Therapie der Verletzungen im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich. Die Verletzungen können die Weichteile und/oder Knochen betreffen. Die Versorgung erfolgt durch die Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirugie alleine oder gemeinsam mit anderen Kliniken der Universität. Mehrfach- und Schwerstverletzte, die sich in den unfallchirurgischen und Intensivtherapiestationen des Universitätsklinikums oder der umliegenden Krankenhäuser befinden, werden ebenfalls durch die Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirugie konsiliarisch mitbetreut.
Weichteilverletzungen umfassen alle Wunden der äußeren Haut und der Schleimhäute im Kiefer- und Gesichtsbereich. Weichteilverletzungen im Gesichtsbereich werden grundsätzlich sofort durch Naht verschlossen. Um ästhetisch beeinträchtigende Narben zu vermeiden, werden die Wunden schichtweise mit feinem Nahtmaterial versorgt. Bei ausgedehnten Verletzungen mit Verlust von Gewebeteilen sind teilweise plastisch rekonstruktive Sofortmaßnahmen erforderlich. Hierzu zählt auch die Rekonstruktion des motorischen Gesichtsnerven, der Ausführungsgänge der großen Speicheldrüsen, der Lippen und Nase, der Augenlider und der Tränenwege (gemeinsam mit der Universitätsaugenklinik).
Knöcherne Verletzungen werden in die Frakturen des Zahnhalteapparates und der Zähne, des Stirn- und Mittelgesichtsbereiches sowie die Frakturen des Unterkiefers unterteilt. Aus ihrem Knochenfach ausgeschlagene Zähne müssen so rasch wie möglich replantiert werden. Die Zähne werden anschließend für mehrere Wochen durch eine Schienung ruhiggestellt. Zähne mit Frakturen im Kronen- oder Wurzelbereich können ebenfalls häufig erhalten und wiederhergestellt werden. Kommt es doch zum Verlust der Zähne, besteht die Möglichkeit des Ersatzes durch dentale Implantate.
Frakturen des Ober- und Mittelgesichtes können Stirn- und Jochbein, die Augenhöhlen, die Nasenneben-höhlen, das Nasengerüst und den Oberkiefer betreffen. Sie führen zu sichtbaren Asymmetrien der Gesichts-kontur, Gefühlsstörungen im Gesichtsbereich, Sehstörungen mit Doppelbildern und zu Störungen der Kau-funktion. Daher ist häufig eine operative Therapie unumgänglich. Hierbei müssen die einzelnen Bruchlinien freigelegt, die Knochenstücke gerichtet und mit Platten und Schrauben fixiert werden. Um sichtbare Narben zu vermeiden, werden die notwendigen Schnitte in nicht direkt einsehbare Bereiche gelegt z.B. in die behaarte Kopfhaut, die Augenbra, die Lidkante oder die Mundhöhle. Zur Vermeidung äußerer Schnittführungen werden auch endoskopische Techniken angewandt, z.B. bei der Versorgung des frakturierten Jochbogens.
Frakturen des Unterkiefers können innerhalb und außerhalb der Zahnreihe sowie im Bereich der Kiefergelenke auftreten. Fast immer führen sie zu einer Störung der Verzahnung und der Mundöffnung. Um die Kau- und Sprechfunktion sicherzustellen, ist eine Behandlung notwendig. Diese kann lediglich eine Schienung der oberen und unteren Zahnreihe mit anschließender Verschnürung zur Ruhigstellung des Unterkiefers umfassen oder aus einer operativen Freilegung, Richtung und Stabilisierung der Frakturen mit Platten und Schrauben bestehen. Dies ist bei allen Frakturen mit Versetzung der Bruchenden und bei Frakturen mit Verbindung zur Mundhöhle oder nach außen notwendig. Standardversorgung ist die Darstellung des Bruches über einen Schnitt an der Mundschleimhaut und die Fixierung mit 2mm starken Miniplatten. Die klein dimensionierten Miniplatten werden an der biomechanisch günstigsten Stelle des Unterkiefers fixiert. Der Patient kann postoperativ sofort wieder alle Unterkieferbewegungen ausführen, eine zusätzliche Verschnürung ist nicht notwendig. Feste Kost darf allerdings erst wieder nach vier Wochen gekaut werden. Bei sehr instabilen und getrümmerten Frakturen sowie beim deutlich zurückgebildeten zahnlosen Kiefer erfolgt die Fixierung mit stabileren Plattensystemen. In manchen Fällen ist hierzu eine Schnittführung im Bereich der äußeren Haut unumgänglich. Diese Versorgungen sind funktionsstabil, d.h. der Patient kann den Unterkiefer sofort wieder normal belasten. Die Behandlung der Kiefergelenkfrakturen richtet sich nach der Lokalisation der Bruchlinie und der Versetzung der Bruchenden. Brüche ohne oder mit geringer Fehlstellung sowie hohe Gelenkbrüche werden zunächst mit Schienung und Ruhigstellung behandelt. Zur Sicherstellung der Gelenkfunktion ist anschließend eine Übungsbehandlung notwendig. Vor allem bei den hohen Gelenkfrakturen muß eine intensive funktionelle Therapie über mehrere Monate erfolgen, um Spätschäden am Gelenk zu vermeiden. Bei stärkerer Fehlstellung der Gelenkbrüche erfolgt von außen, seltener von der Mundhöhle aus die Freilegung und Fixierung mit Miniplatten. Eine postoperative Ruhigstellung des Kiefers kann in diesen Fällen entfallen.
Die im Gesichtsbereich regulär verwendeten Platten und Schrauben bestehen aus Titan, einem sehr gut verträglichen biokompatiblen Metall. Eine Entfernung ist nicht zwingend notwendig, wird aber im Regelfall empfohlen, um kein Fremdmaterial auf Dar im Körper zu belassen. Sie erfolgt nach etwa sechs Monaten. Um eine Entfernung zu umgehen, werden in geeigneten Fällen auch Platten und Schrauben aus Polylaktid eingebracht. Dabei handelt es sich um einen Kunststoff, der vom Körper vollständig resorbiert und verstoffwechselt wird. Aufgrund der deutlich geringeren Stabilität, kommt zur Zeit aber nur ein Einsatz im gering belasteten Mittelgesicht in Frage.
Alle traumatologischen Patienten werden in der nachstationären Phase bis zur vollständigen Rehabilitation durch die Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirugie betreut. Eventll notwendige Folgeeingriffe zur Verbesserung der Funktion und der Ästhetik werden geplant und durchgeführt. Auch nach Abschluß der Behandlung ist eine Wiedervorstellung im Problemfall jederzeit möglich.


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Letztes Update der Seite am 22 Nov 2017



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