UKT
Universität Tübingen
Die Versuchstierkunde:
Mittlerin zwischen Tierschutz und biomedizinischer Forschung

- F. Iglauer, Ch. Schwabenbauer (Vorstand u. Beirat der GV-SOLAS), 1992 -

Der Einsatz von Tieren in der Wissenschaft für die Klärung biomedizinischer Fragestellungen ist nach wie vor notwendig und  gesellschaftlich gewollt.

Gleichermaßen notwendig und gewollt ist der Schutz der Tiere als leidensfähige Mitgeschöpfe. Dabei setzen wissenschaftliche  und ökonomische Erfordernisse Grenzen.

Das hieraus resultierende Spannungsfeld gibt Raum für eine weite Palette unterschiedlicher ethischer Standpunkte. Weder  tierexperimentell tätige Forscher und Nutznießer biomedizinischer Errungenschaften (Konsumenten, Patienten, Umweltschutz etc.) noch verantwortungsbewusste im Tierschutz engagierte Bürger können der Güterabwägung zwischen den  Interessen der zu schützenden Tiere und denen der biomedizinischen Forschung ausweichen. Pauschale oder dogmatische Stellungnahmen helfen hier nicht. Vielmehr ist der Einsatz von Tieren und ihre hierbei vermeidbare Belastung in jedem Einzelfall mit dem zu erwartenden Erkenntnisgewinn und Nutzen für Mensch, Tier und Umwelt abzuwägen.

Die Versuchstierkunde ist eine biomedizinische Basiswissenschaft, deren Erkenntnisse von experimentell tätigen Forschern  unterschiedlicher Disziplinen und von Tierschutzverantwortlichen in Behörden und Betrieben in Anspruch genommen werden. Aus dem versuchstierkundlichen Wissen erwachsen die ethische Verantwortung für das Tier und die Verpflichtung in Forschung und Lehre die Interessen und Rechte der zu schützenden Mitgeschöpfe gegenüber denen, die Tiere nutzen, zu vertreten.

Das Ziel der Versuchstierkunde ist es, Aussagekraft und Verlässlichkeit tierexperimenteller Studien zu steigern und  gleichzeitige den Schutz der Tiere stetig zu verbessern, wenn die wissenschaftliche Nutzung von Tieren notwendig ist. In weiten Bereichen besteht kein Konflikt, sondern eine Kongruenz der Interessen von Tierschutz und den Erfordernissen verantwortlicher tierexperimenteller Arbeit.

Verschiedenartige Varianzfaktoren stellen eine Störgröße bei der Interpretation von Versuchsergebnissen dar und können zu einer Belastung für die Versuchstiere führen. Je unkontrollierter und größer solche Varianzursachen sind, desto mehr Versuchstiere werden zu Klärung einer Fragestellung benötigt. Die wichtigste Aufgabe der Versuchstierkunde besteht darin, Varianzursachen wie genetische Einflussgrößen, Infektions- und Spontanerkrankungen oder Umwelt- und Haltungsbedingungen zu erkennen und diese durch geeignete Maßnahmen zu standardisieren bzw. zu eliminieren.

Dies und die Beratung von Versuchsdurchführenden durch Versuchstierkundlern in Bezug auf die Auswahl geeigneter Tiermodelle, die Biologie der Versuchstiere, ihre tiergerechte Versorgung und Unterbringung, in Bezug auf die optimale Versuchsplanung, die Verwendung schonender Methoden und wirksamer Schmerzbekämpfung und auch im Hinblick auf mögliche Ersatz- und Ergänzungsmethoden ist wissenschaftlich begründeter und angewandter Tierschutz. Hierdurch werden die notwendige Anzahl der Versuchstiere, Wiederholungsversuche und die Belastung der Tiere reduziert.

Zur weiteren Verbesserung des Tier- und Artenschutzes in der biomedizinischen Forschung muss mit versuchstierkundlich-wissenschaftlichen Methoden beigetragen werden. Die ist häufig durch wenig oder gar nicht belastende Studien möglich (klinisch retrospektive Studien, Verhaltensbeobachtungen etc.). Der Tierversuch selbst  ist für versuchstierkundliche Fragestellungen notwendig, weil durch die gewonnenen Erkenntnisse längerfristig Tierversuche ersetzt, eingeschränkt oder Versuchstiere entlastet werden können.

 

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