Peter K. weiß, dass es nicht gut um ihn steht, als er mit schwerer Atemnot in die Notaufnahme der Tübinger Uniklinik kommt. Die Computertomografie bestätigt seine schlimmsten Vermutungen. Der Landwirt, der im richtigen Leben anders heißt, hat einen Tumor im Zwerchfellraum, der nicht mehr operiert werden kann. Sein großer Wunsch: noch einmal bei der Ernte dabei sein. Doch dafür muss ihn das Team von der Palliativstation der Uniklinik erst einmal stabilisieren.
Nach Bestrahlung und Einleitung der palliativmedizinischen Behandlung kann er die Station nach zwei Wochen wieder verlassen. Er und seine Familie wissen nun mit den Schmerzen, der Luftnot und der Morphinpumpe umzugehen. Daheim steht neben dem Bett in seinem Schlafzimmer ein Sauerstoffgerät.
Das Team der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung vom Tübinger Projekt des Paul-Lechler-Krankenhauses wird ihn von nun an täglich betreuen. In den drei Wochen, die ihm in den eigenen vier Wänden noch bleiben, kann er auf dem Hof verfolgen, wie die Ernte eingebracht wird. Als die letzten Fuhren Getreide im Silo liegen, entscheidet sich Peter K. ins Hospiz zu gehen. Er stirbt kurze Zeit später.
Für Dr. Marc Steinle zeigt diese Geschichte, dass trotz schwerer Krankheit ein Ende des Lebens in Ruhe, Würde und (fast) ohne Schmerzen möglich ist. Der Oberarzt in der Palliativmedizin an der Tübinger Uniklinik kennt die Sorgen unheilbar kranker Menschen. „Sie haben Angst vor unerträglichen Schmerzen, die ihnen die letzten Tage zur Hölle machen“, sagt der Mediziner. Dabei könne die Palliativmedizin heute sehr viel tun, um in den letzten Tagen des Lebens, auch bei anfangs starken Symptomen, eine gute Lebensqualität zu ermöglichen.
Alles für eine lebenswerte Zeit
Patienten und Patientinnen mit Prostatakarzinom, Brustkrebs oder Lungentumoren haben ein vergleichsweise hohes Risiko, dass sich Metastasen in den Knochen bilden. Diese können sehr schmerzhaft sein. Wenn sich bei Tumorerkrankungen abzeichnet, dass eine Heilung nicht mehr möglich ist, sind Palliativmediziner gefragt.
„Wir wollen die Symptome lindern“, sagt Steinle. Als Erstes sprechen die Ärztinnen und Ärzte der Palliativstation mit Kolleginnen und Kollegen aus der Radioonkologie, hier wird oft die Diagnose gestellt. Bei den Betroffenen und Angehörigen erkundigen sie sich, was den Schmerz verstärkt und was ihn dämpft. Und in Zusammenarbeit mit der Orthopädietechnik wird beispielsweise nach Möglichkeiten gesucht, wie mit Gehhilfen oder speziell angepassten Orthesen Belastungen reduziert werden können. Geprüft wird auch, ob eine palliative Chemotherapie eine Verschlechterung aufhalten könnte.
Im Kern geht es aber um die Schmerztherapie. Sie folgt, so Steinle, einer einfachen Prämisse: „Wir arbeiten nicht daran, an das Leben mehr Tage zu hängen, sondern daran, dem Menschen noch eine symptomarme und lebenswerte Zeit zu ermöglichen.“
Völlige Schmerzfreiheit sei nicht das Ziel. Aber man könne Schmerz meist so kontrollieren, dass die Patientinnen und Patienten tagsüber am Leben teilnehmen und nachts schlafen können. „Wir setzen frühzeitig Opiate ein“, erklärt der Mediziner. Die Angst vor einer Opiatabhängigkeit könne in der letzten Phase des Lebens hintenanstehen. „Verzicht auf Lebensqualität ist die schlechteste Methode“, sagt Steinle.
Opiate gegen Schmerzen und Luftnot
Stehen die Schmerzen im Mittelpunkt, folgt in der Akutphase eine Schmerzbehandlung in hoher Dosierung. Anschließend versuchen die Medizinerinnen und Mediziner, mit weniger auszukommen. Manchmal leben Kranke tatsächlich nur noch wenige Tage, anderen bleiben Wochen oder Monate. Manche können noch einmal zurück in ihre Wohnung zu Partnerin, Partner oder Familie, andere wechseln in ein Hospiz. Dank des Sozialdienstes verlässt niemand die Klinik, ohne dass die weitere Versorgung gesichert ist.
Auch Atemnot am Ende des Lebens ist kein unabänderliches Schicksal. „Akute schwere Anfälle von Luftnot lassen sich ebenso wie Schmerzen mit Opiaten lindern“, erklärt Steinle. Hinzu kommt aber auch die psychische Komponente. „Oft hilft es schon, wenn sich jemand zur Patientin oder dem Patienten ans Bett setzt und die Hand hält“, weiß der Arzt. Luftnot wird durch Ängste schlimmer. „Da ist es wichtig, dass jemand Zeit hat, um mit dem Menschen zu sprechen.“
Auch das gehört zu den Aufgaben des Personals auf der Palliativstation. In ganz schweren Fällen kann eine palliative Sedierung helfen, das Leiden zu verringern. Immer in dem Grundsatz, dass Palliativmedizin das Leben bejaht und das Sterben als natürlichen Prozess sieht; weder beschleunigt noch zögert sie den Tod hinaus. Mit Medikamenten gut behandeln lässt sich auch die Übelkeit, die oft als anfängliche Nebenwirkung von Opiaten oder einer Chemotherapie auftritt.
Dennoch ist die letzte Phase des Lebens für Patientinnen, Patienten und ihre Familien eine sehr große Herausforderung. In die Palliativmedizin sind deshalb auch Expertinnen und Experten des psychoonkologischen Diensts eingebunden, ebenso die Seelsorgerinnen und Seelsorger der verschiedenen Religionen. Angeboten wird auch Kunst- und Musiktherapie, die es ermöglicht, Gefühle und Ängste der letzten Lebensphase ohne Worte auszudrücken.
In der Palliativmedizin arbeiten Medizinerinnen und Mediziner verschiedener Disziplinen nach Leitlinien für Menschen, die unheilbar krank sind. Seit 2018 können in Tübingen neun Patientinnen und Patienten auf der Station 41 der Klinik für Radioonkologie betreut werden. Die meisten von ihnen haben eine Krebserkrankung.