Universitätsklinikum Tübingen PULS
Erkennen und Behandeln bei Epilepsie

Das Gehirn aus dem Takt: Epileptische Anfälle

MIT VIDEO. Epilepsie ist mehr als ein Anfall mit Zuckungen. Jährlich geht es am Purple Day am 26. März darum, Bewusstsein für die Erkrankung zu schaffen, Wie man sie erkennt, welche Ursachen sie hat und wie man sich als Ersthelferin oder Ersthelfer verhalten sollte, erklärt Epilepsie-Expertin Dr. Melanie Schreiber des Universitätsklinikums Tübingen.
23.03.2026
Janina Fischer, Yannick Dittus
4 Minuten
Ein Mädchen mit schwarzen Haaren wird von vorsichtigen Händen auf den Boden gelegt. Die pflegende Person ist nicht ganz im Bild, aber trägt ein lilanes Oberteil.
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Welche Symptome treten bei einer Epilepsie auf?

Epileptische Anfälle sind vielfältig: Manche sind von außen gar nicht als solche erkennbar. Einige Betroffene verspüren beispielswiese nur ein Kribbeln, andere hören oder sehen Dinge. Wieder andere erleben ein Déjà-vu-Gefühl. Manchmal ist es aber auch so, wie man es vielleicht aus dem Fernsehen kennt – erst ein Schrei, dann ein Sturz und schließlich rhythmische Zuckungen der Arme und Beine. Wenn man das Bewusstsein immer wieder auf unerklärliche Weise verliert, hinterher eine Weile braucht, bis man wieder weiß, wo man ist, und sich dabei beispielsweise auf die Zunge beißt, dann sollte man sich bei einem Neurologen oder einer Neurologin vorstellen.

Ist jeder epileptische Anfall eine Epilepsie?

Nein – etwa fünf Prozent aller Menschen haben einmal in ihrem Leben einen epileptischen Anfall. Daher ist es so wichtig herauszufinden, ob es ein einmaliger Anfall bleibt oder sich eine Epilepsie entwickelt. Dabei gibt es sogenannte Provokationsfaktoren, die einen Anfall begünstigen oder auslösen können. Dazu zählen ausgeprägter Schlafmangel, schwere Infekte mit Fieber, Alkohol und Alkoholentzug, bestimmte Drogen und bei Kindern Blitzlicht.

Gibt es einen Auslöser oder Ursachen für die Erkrankung?

Es gibt verschiedene Gründe, warum man eine Epilepsie entwickelt: Bei manchen Menschen ist die Veranlagung angeboren, andere weisen meist einen kleinen Fehler in der Entwicklung des Gehirns auf. Manchmal entwickelt sich eine Epilepsie durch eine Narbe im Gehirn, z. B. nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma, einer Hirn(haut)entzündung, einem Tumor oder einem Schlaganfall. Sehr selten ist eine autoimmune Entzündung im Gehirn ursächlich.

Wie wird eine Epilepsie diagnostiziert?

Wir bekommen meist einen sehr guten Eindruck, wenn die Familie oder die Freunde den Anfall beschreiben. Dabei ist ein Handyvideo vom Anfall besonders hilfreich. Der oder die Betroffene selbst kann sich oft nicht an den Anfall erinnern. Dann wird eine Hirnstrommessung, ein sogenanntes EEG, durchgeführt. Ein unauffälliges EEG schließt eine Epilepsie aber leider nicht aus. Im Zweifel sollten deshalb immer mehrere und mit zeitlichem Abstand durchgeführt werden.

Wie lässt sich die Erkrankung behandeln?

Mit Medikamenten, inzwischen gibt es mehr als 20 verschiedene Wirkstoffe. In den meisten Fällen muss die Therapie über viele Jahre bis lebenslang erfolgen. 60 Prozent der Menschen mit Epilepsie werden mit dem ersten Medikament anfallsfrei, bei manchen wird das perfekte Medikament erst nach mehreren Versuchen gefunden. Wenn zwei Medikamente nicht ausreichend helfen, kann der Facharzt oder die Fachärztin zu anderen Therapieoptionen beraten, beispielsweise zu Epilepsiechirurgie, Neurostimulation oder zur ketogenen Diät.

Wie verhalte ich mich als Ersthelferin oder Ersthelfer bei einem Anfall?

Ruhe bewahren! Wichtig ist, dass die Patientin oder der Patient sich nicht verletzt. Die Person muss deshalb auf den Boden oder ein Sofa gelegt werden, alles, woran der Mensch sich verletzen könnte, muss weggeräumt werden und man sollte ihm nichts in den Mund stecken. 95 Prozent der epileptischen Anfälle hören von selber wieder auf. Daher ist es hilfreich, auf die Uhr zu schauen, um zu messen, wie lange der Anfall anhält. Sobald die betroffene Person aufhört zu zucken, schläft sie oft weiter, sie muss allerdings umgehend in die stabile Seitenlage gebracht werden, denn die Zunge darf die Atmung nicht blockieren. Sollte ein epileptischer Anfall mehr als fünf Minuten dauern, sollte der Rettungsdienst alarmiert werden.

Welche Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten gibt es am Uniklinikum Tübingen?

Jährlich behandeln wir mehr als 1.000 Patientinnen und Patienten mit Epilepsie. Zum einen bieten wir eine Epilepsiesprechstunde an, hier können sich Patientinnen und Patienten beraten lassen. Zum anderen betreuen wir erkrankte Menschen stationär, die erstmalige oder länger andauernde Anfälle haben oder zur Diagnostik zu uns kommen. Zentraler Bestandteil der Diagnostik ist die Elektroenzephalographie (EEG), mit der wir die elektrische Aktivität des Gehirns messen und grafisch darstellen können. Außerdem Routine-EEGs mit Provokationsmöglichkeiten, Langzeit-EEGs sowie videoüberwachte EEGs, ebenso die Darstellung der Magnetfelder durch die Magnetenzephalografie (MEG). Die Bildgebung des Gehirns erfolgt mithilfe von modernen 3T-MRT- und PET-CT-Geräten. Therapeutisch haben wir operative Verfahren und die Vagusnerv-Stimulation zur Verfügung.

Experten

Dr. med. Melanie Schreiber
Dr. med. Melanie Schreiber
(ehem.) Oberärztin
Neurologie

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