Universitätsklinikum Tübingen PULS
Tiefe Hirnstimulation

Parkinson-Therapie per Knopfdruck

Moderne Technologie verändert die Parkinson-Therapie: Dank tiefer Hirnstimulation und Telemedizin lassen sich Symptome wie Zittern und Steifheit gezielt lindern – und das ohne ständige Klinikbesuche. Ärztinnen und Ärzte können die Impulse der implantierten Elektroden aus der Ferne anpassen. Doch wie funktioniert diese telemedizinische Behandlung? Und wie sicher ist sie?
16.03.2026
Melani Vukosav
4 Minuten
Blick über die Schulter eines alten Mannes, der ein weißes Puzzle löst. Er hält sich dabei mit einer Hand das rechte Handgelenk, um sein Zittern zu stabilisieren.
Canva

Tim S. ist erst 50 Jahre alt und leidet an Parkinson. Das typische Zittern seiner rechten Körperhälfte ist deutlich erkennbar, die Bewegungen sind verlangsamt und er kann seinem Beruf und seinen Hobbys nicht so nachgehen, wie er es sich wünscht. Er entschloss sich zu einer Operation und lässt sich von Neurochirurg Prof. Dr. Alireza Gharabaghi und seinem Team in einer Präzisions-OP Elektroden ins Gehirn implantieren – für eine sogenannte Tiefe Hirnstimulation. Für die regelmäßigen Einstellungen der Stimulation muss er nicht jedes Mal ans Uniklinikum kommen. Diese kann er mit Prof. Weiß, Leiter der Ambulanz für Tiefe Hirnstimulation an der Universitätsklinik für Neurologie, vom heimischen Sofa aus erledigen. Die moderne Telemedizin macht es möglich.

Bereits 2021 wurde europaweit die erste Stimulator-Behandlung per Fernzugriff am Uniklinikum Tübingen durchgeführt. Heute gehört die Ferneinstellung der Parkinson-Patientinnen und -Patienten zur Regelversorgung. Das Ziel der Behandlung: das teils heftige Zittern unterdrücken und die Steifigkeit von Armen und Beinen verbessern – um schließlich die Dosis der Parkinsonmedikamente zu verringern. Das führt zu einer stabileren Therapie und steigert die Lebensqualität. „Nach der Implantation der Elektroden müssen die Stimulationsimpulse je nach Krankheitsverlauf zeitlebens angepasst werden“, erklärt der Leitende Oberarzt Weiß. Über Regler und Knöpfchen auf dem Tablet können die Ärztinnen und Ärzte das Zittern oder die Funktion von Armen und Beinen beeinflussen. 

So funktioniert die Ferneinstellung

Die Ferneinstellung der Elektroden erfolgt immer unter Einhaltung aller Maßgaben zu Datenschutz, IT-Sicherheit und allen Einwilligungsmodalitäten. So kann der Stimulator zu keinem Zeitpunkt unautorisiert oder unbemerkt durch Dritte verändert werden. Selbst im Falle eines plötzlichen Stromausfalls oder einer instabilen Internetverbindung ist eine Patientengefährdung technisch ausgeschlossen: Der Stimulator schaltet dann umgehend in einen sicheren Modus auf Basis der besten Voreinstellung zurück. Auch findet solch eine telemedizinische Behandlung ausschließlich nach Freigabe der Sitzung durch die Patientinnen und Patienten statt. Wird eine Behandlung nur in Präsenz bevorzugt, ist das selbstverständlich weiterhin möglich.

Tim S. ist froh, nicht mehr regelmäßig mehr als 50 Kilometer zum Uniklinikum fahren zu müssen. „Prof. Weiß könnte die Einstellung sogar vornehmen, wenn ich unterwegs oder verreist bin – lediglich eine stabile WLAN-Verbindung sowie mein Patienten-Handgerät werden benötigt“, erzählt der 50-Jährige begeistert. „Das ist wie facetimen mit dem Arzt: Wie bei jeder Videotelefonie können wir uns sehen, in bester Qualität miteinander sprechen und der Professor kann über ein Dashboard auf seinem Gerät alle Feinheiten einstellen. Damit die Elektroden in meinem Gehirn die optimalen Impulse an die Nervenzellen senden können, die meine Einschränkungen beeinflussen können.“ Die Telemedizin soll die Präsenzbehandlung nicht ersetzen, sondern als ergänzender Baustein die Patientinnen und Patienten entlasten.

Lebensqualität zurückgewonnen

Tim S. kann es manchmal noch immer nicht ganz glauben, dass er nur wenige Wochen nach der Operation einen großen Teil seiner Lebensqualität zurückgewonnen hat: „Ich wollte mein altes Leben wieder zurück, einfach mal nur mit meiner Frau und meiner Tochter essen gehen, ohne durch das Zittern aufzufallen, etwas mit Freunden unternehmen, meinem Beruf ohne Einschränkungen nachgehen und auch mein Ehrenamt als Kassenwart im Gartenverein gut ausführen.“ Das erste Essengehen mit der Familie hat prima geklappt, berichtet er strahlend. Im Sommer wird er mit Freunden auf einem Hausboot Urlaub machen. Darauf freut sich der Familienvater sehr, der an sich selbst beobachtet, nun nicht mehr so grummelig zu sein. Nur dem Job kann er nach wie vor nicht in Vollzeit nachgehen. Dazu fehle die Konzentration. Denn die Parkinsonkrankheit bleibt, auch wenn sich seine Symptome verbessert haben.

Experten

Prof. Dr. Daniel Weiß
Prof. Dr. Daniel Weiß
Leitender Oberarzt
Neurologie mit Schwerpunkt Neurodegenerative Erkrankungen
Mehr zu Person