„Dauerhafte Schmerzen sind zermürbend. Sie bestimmen das gesamte Leben, Tag und Nacht“, erzählt Maja, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte. Die 40-jährige Mutter eines kleinen Sohnes hat Krebs und kämpft mit Metastasen – und vor allem mit den Schmerzen, die sie ständig plagen.
Vor fast zehn Jahren wurde bei Maja Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert, der zunächst gut behandelt werden konnte. Jahrelang hatte sie Ruhe. Doch dann kam die Erkrankung zurück, mit sehr starken Schmerzen zunächst im Rücken, im Becken und später messerscharfen Stichen in den Beinen. „Ich konnte nur noch an Krücken gehen“, sagt sie. Mehrere Operationen folgten. In der Tübinger Frauenklinik wurde ihr schließlich die Schmerzambulanz empfohlen.
Seit einiger Zeit ist sie bei Dr. Markus Forster in der Zweigpraxis für Schmerzmedizin des Klinikums in der Tübinger Innenstadt in Behandlung. „Das hat mein Leben verändert. Ich konnte über meine Schmerzen reden und wurde ernst genommen“, erzählt sie. Mithilfe einer umfassenden Schmerztherapie habe sie nun ihren Alltag im Griff, könne sich um ihr Kind kümmern und mit der Familie zusammen in den Urlaub fahren, berichtet sie. Ihre Freude am Leben ist deutlich zu spüren, während sie dies erzählt. Doch ihr ist klar, dass die Schmerzen nicht vollständig verschwinden werden.
Majas Leidensweg ist typisch für Patienten und Patientinnen mit chronischen Schmerzen, vor allem wenn diese Tumore haben. „Schmerztherapeuten kommen oft erst ins Spiel, wenn operiert wurde oder wenn sich bereits Metastasen gebildet haben“, berichtet Forster. Wenn er Patienten oder Patientinnen erst Jahre nach einer Diagnose oder einer Operation sehe, sei das oft zu spät.
Auch Forsters Kollegin Dr. Barbara Schlisio, Leiterin der Schmerzambulanz am Uniklinikum, betont, wie wichtig eine gute Schmerztherapie bei einer Tumorerkrankung sei. Schmerzen unter Kontrolle zu bringen, heiße eben auch, den Tumor unter Kontrolle zu bringen. Schmerzkontrolle bedeute im nächsten Schritt, bereit zu sein für die oftmals strapaziöse Behandlung. Schmerzen seien schlechthin der Risikofaktor für Hoffnungslosigkeit, weiß die Schmerztherapeutin aus jahrelanger Erfahrung.
Bei der Therapie gehe es vor allem um die fachübergreifende Behandlung. Denn nicht nur die richtigen Medikamente lindern die andauernde Qual, auch psychologische Betreuung ist extrem wichtig. „Körper und Psyche beeinflussen sich gegenseitig. Körperliche Schmerzen wirken auf die Psyche und verursachen Depressionen und Angst. Umgekehrt können starke seelische Belastungen auch körperliche Folgen haben“, erklärt Forster. Schmerzpatientinnen und -patienten, denen es psychisch schlecht gehe, seien schmerztherapeutisch sehr viel schwieriger zu behandeln als diejenigen, die gut mit ihrer Erkrankung klarkommen, sagen beide übereinstimmend.
Zu einer umfassenden Schmerztherapie gehören zudem noch viele weitere fachliche Disziplinen: Die Physiotherapie spielt eine große Rolle, ebenso wie die Osteopathie und Ergotherapie. Oder komplementäre und integrative schmerzlindernde Methoden, wie etwa Akupunktur, Massage und verschiedene Entspannungstechniken. „Es ist in der Schmerztherapie wichtig, sehr breit aufgestellt zu sein“, fasst Forster zusammen und betont: „Wir sind Teamplayer“.
Auch die Hausarztpraxis spielt in diesem Team eine wichtige Rolle. Bei der medikamentösen Einstellung – beispielsweise bei einer Krebserkrankung – werden verschiedene Mittel verabreicht: Opioide etwa werden dauerhaft gegeben, während andere Schmerzmittel bei Bedarf akut eingenommen werden.
Die Hausärztin oder der Hausarzt kann die Einnahme überwachen und sich jederzeit mit Forster absprechen. Auch die Schmerzpatientin Maja kann jederzeit anrufen oder vorbeikommen: „Wenn ich nachts nicht schlafen kann, überlegt Dr. Forster gemeinsam mit mir, was dagegen unternommen werden kann, und verordnet nicht einfach mal noch zusätzlich ein Schlafmittel“, berichtet die Patientin. Schon allein die Tatsache, dass sie sich jederzeit melden könne, helfe ihr enorm.
Maja nimmt auch medizinisches Cannabis, zunächst mit Sondergenehmigung, inzwischen kann es problemloser verordnet werden. Sie hat gute Erfahrungen damit gemacht: „Es hilft mir zu entspannen“, sagt sie. Doch Cannabis in der Therapie ist ein heikles Thema, daher bleibt die Verordnung und Überwachung bei den Schmerzmedizinern. „Das Potenzial der Cannabinoide muss noch genauer erforscht werden“, sagt Schlisio. Die Nebenwirkungen dürfe man nicht übersehen: Ein Mittel, das dämpfe, entspanne und müde mache, befördere kein aktives Leben.