„Das erste Symptom einer akuten Mittelohrentzündung sind Ohrenschmerzen, die plötzlich und in starker Intensität auftreten“, erklärt Dr. Savvas Kourtidis, Oberarzt an der Tübinger Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde. Die Ohrenschmerzen treten entweder ein- oder beidseitig auf, je nachdem, ob die Mittelohrentzündung ein- oder beidseitig ist. Kinder, die noch nicht sprechen können, greifen sich an ihr Ohr, ziehen und reiben daran, und zeigen so, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ein weiteres Anzeichen ist Fieber. Kinder können bei einer Mittelohrenzündung auch schlechter hören oder einen wässrigen, eitrigen Ausfluss aus dem betroffenen Ohr haben.
Es gibt außerdem unspezifische Symptome, die insbesondere bei Kleinkindern bei vielen Krankheitsbildern auftreten. Darunter fallen Reizbarkeit, häufiges Weinen, Schlafstörungen und allgemeines Krankheitsgefühl. Diese Symptome treten häufig im Zusammenhang mit einer vorangegangenen Erkältung auf.
In den meisten Fällen sind Viren die Auslöser einer akuten Mittelohrentzündung. Gelegentlich können auch Bakterien eine Rolle spielen – sie kommen gegebenenfalls zu einer viralen Infektion hinzu und verstärken die Mittelohrentzündung. Andere Ursachen wie Pilzinfektionen oder Autoimmunerkrankungen sind äußerst selten.
Verschiedene Faktoren können eine Mittelohrenzündung begünstigen und zu wiederkehrenden akuten Entzündungen führen. Vergrößerte Rachenmandeln (Adenoide Vegetationen, kindliche Polypen) sind dabei der häufigste Risikofaktor. Ebenso stellen häufige Infektionen der oberen Atemwege, Passivrauchen, genetische Immundefizite sowie anatomische Besonderheiten wie bei Kindern mit Down-Syndrom oder eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte Risikofaktoren dar.
Treten bei Kindern innerhalb von zwölf Monaten mehr als vier Infektionen auf, ist besondere Vorsicht und auch Eingreifen geboten. Da Kinder während einer Mittelohrentzündung schlechter hören können, können wiederholte Entzündungen auch zu einer Verzögerung der Sprachentwicklung führen.
Generell ist eine Mittelohrentzündung nicht ansteckend, da sie im Mittelohr lokalisiert ist und es sich dabei grundsätzlich um einen unzugänglichen Ort handelt. Keime können nicht einfach durch Niesen oder Husten nach außen gelangen. „Lediglich die virale Erkältung der oberen Atemwege, die oft den Ausgangspunkt einer Mittelohrentzündung bildet, kann ansteckend sein“, so Kourtidis.
Die Behandlung variiert je nach Alter, Schweregrad und Verlauf. Als erstes sind Schmerzlinderung und Entzündungshemmung wichtig, beispielsweise in Form von Ibuprofen-Saft. Abschwellende Nasentropfen und Nasenspülungen mit NaCL-Lösung (Kochsalzlösung) können helfen, da sie die Nase frei machen und so zu einer besseren Belüftung des Mittelohres beitragen. Der zweite Schritt ist die Behandlung mit Antibiotika, dies variiert jedoch je nach Alter der Kinder. Ist das Kind unter sechs Monaten alt, werden in der Regel Antibiotika verschrieben. Ab sechs Monaten werden Antibiotika aufgrund möglicher Nebenwirkungen nur verschrieben, wenn beide Ohren entzündet sind oder wenn das Kind einen der beschriebenen Risikofaktoren aufweist.
„Paukenröhrchen werden nicht zur Behandlung einer akuten Mittelohrentzündung eingesetzt, sondern kommen nur bei einer Chronifizierung im Sinne eines Mittelohrergusses zum Einsatz“, betont Kourtidis. Wenn ein Kind bereits mehrere Mittelohrentzündungen hatte, kann sich Flüssigkeit im Mittelohr angesammelt haben. Dadurch entsteht ein deutlicher Hörverlust auf der entsprechenden Seite. Paukenröhrchen belüften das Mittelohr, leiten die Flüssigkeit ab und verhindern so weitere Infektionen und ermöglichen wieder ein normales Hörvermögen.
Zwar werden Hausmittel wie Zwiebelsäckchen, Wärmeanwendungen oder das Hochlagern des Kopfes bei ersten Symptomen oft angewendet, für deren Wirksamkeit liegen aber keine ausreichenden wissenschaftlichen Beweise vor. Daher muss man mit ihrem Einsatz vorsichtig sein. „Wichtig ist der Arztbesuch zum nächstmöglichen Zeitpunkt, damit eine ärztlich fundierte Behandlung erfolgen kann“, betont der Experte.
Flugreisen sollten während einer akuten Mittelohrentzündung unbedingt vermieden werden, da aufgrund der Druckunterschiede ein hohes Risiko für einen Trommelfellriss besteht. Auch Kontakt mit Wasser im Ohr sollte vermieden werden. „Eine Mittelohrentzündung muss ernst genommen werden: Ruhe, Erholung und Wärme sind wichtig“, weiß Kourtidis. Insbesondere während eines Infektes der oberen Atemwege ist drauf zu achten, dass dieser sich so schnell wie möglich auflöst.
Vorab: es können Komplikationen auftreten. Bis es zu diesen kommt, müssen jedoch einige Tage vergehen. Das Verschleppen oder fehlende Behandlung der Mittelohrentzündung können zu solchen Komplikationen führen. „Eine frühzeitige Behandlung reduziert das Risiko erheblich“, betont Dr. Kourtidis.
Die häufigste Komplikation ist das Platzen des Trommelfells, welches zunächst mit einer Erleichterung der Schmerzen einhergeht. Dies kann aber negative Folgen für das Hörvermögen haben. Breitet sich die Entzündung auf die umliegenden Regionen aus, kann eine Mastoiditis — eine akute Knochenentzündung —am Knochen hinter dem Ohr, dem sogenannten Warzenfortsatz, entstehen. Die Ohrmuschel steht in einem solchen Fall sichtbar ab, die Haut ist stark gerötet und die Stelle sehr druckempfindlich. Breitet sich die Entzündung in Richtung des Gehirns aus, spricht man von einer Meningitis oder Hirnhautentzündung. Dabei werden die Symptome wie Fieber, Schmerzen und Bewusstseinsstörungen des Kindes gravierend und ein notfallmäßiges operatives Eingreifen wird notwendig.
Stillen ist empfehlenswert, da dies das Immunsystem von Babys stärkt. Füttern mit dem Fläschchen im Liegen sollte vermieden werden, ebenso wie die Verwendung eines Schnullers. Bei Schnupfen ist frühzeitige Nasenpflege für eine Abschwellung zu empfehlen. Grundsätzlich sind Impfungen wichtig, beispielsweise gegen Pneumokokken, ebenso wie eine rauchfreie Umgebung.