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Unterricht trotz Krankheit

Die Klinikschule hilft Kindern am Ball zu bleiben

Im Krankenhaus Englisch, Mathe und Deutsch lernen? Für Kinder, die länger am Uniklinikum behandelt werden, gehört auch die Schule zu ihrem Aufenthalt dazu. Damit sie nicht den Anschluss an den Unterricht in ihrer Heimatschule verlieren, werden sie an der Klinikschule unterrichtet.
07.09.2026
Paula Wagner
5 Minuten
Eine Frau steht vor einer weißen Tafel. Sie trägt eine Brille und hat einen Arm erhoben, um mit einem Marker auf die Tafel zu schreiben. Vage ist im oberen Bereich das Wort "Schule" zu sehen. An ihrem Arm hängt eine FFP2-Maske.
Beate Armbruster

An der Tafel sind die acht Planeten des Sonnensystems zu sehen. Diese in der richtigen Reihenfolge aufzuzählen, ist gar nicht so einfach. Für die vier Schüler in der Klinikschule ist das aber schon am zweiten Schultag kein Problem, denn sie haben sich die Eselsbrücke schnell gemerkt: „Mein Vater erklärt mir jeden Samstag unseren Nachthimmel“, antwortet einer der kleinen Patienten. Er sitzt im Klassenzimmer der Klinikschule und klebt Abbildungen der Planeten fehlerfrei in der richtigen Reihenfolge in sein Heft: Merkur – Venus – Erde – Mars – Jupiter – Saturn – Uranus – Neptun. In seiner Heimatschule würde er in die vierte Klasse gehen, seine Mitschüler in der Klinikschule sind teils jünger oder auch etwas älter. Sie kommen morgens zum Unterricht, nachmittags haben sie Therapie und abends werden sie nach Hause gebracht.

In der Schule am Klinikum im Tal werden fünf bis sechs jüngere Schülerinnen und Schüler bis zur fünften Klasse zusammen unterrichtet, in einem zweiten Klassenraum lernen Patienten und Patientinnen ab der sechsten Klasse zusammen, erklärt Christina Rupsch. Sie ist Rektorin der Klinikschule.

Die Kinder, die hier in zwei Klassenräumen unterrichtet werden, haben verschiedenste psychosomatische Diagnosen: Sie sind sozial verhaltensauffällig oder autistisch, haben ADHS oder Bindungsstörungen. Da es in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) immer mehr Patientinnen und Patienten gibt, werden Betroffene mit Essstörungen in einem anderen Bereich des Klinikums unterrichtet – aus Platzmangel in der Klinik im Tal. Unterrichtet wird in allen Fächern, wenngleich der Fokus auf den Kernfächern liegt. „Aber auch Sport oder Kunst stehen auf dem Lehrplan“, berichtet die Sonderpädagogin Rupsch. Sie sei froh, mit ihren Lehrkräften wirklich alle Fächer abdecken zu können – und zwar von der ersten Klasse bis zu den Abiturjahrgängen.

Beratung mit der Heimatschule

Dabei gehe es nicht nur um die reine Stoffvermittlung, sondern auch sehr viel um Beratung. Rupsch nennt das Beispiel einer Patientin, die an Epilepsie leidet und immer wieder in der KJP behandelt wird. Als sie im Gymnasium in die Oberstufe gekommen sei, habe es viele Fragen gegeben. Allen voran, wie sie die Anforderungen auf dem Weg zum Abitur trotz Fehlzeiten schaffen könne. Sollte die anstehende Englischklausur besser vor dem Klinikaufenthalt geschrieben werden? Oder lieber danach? Und wie kann sie im Englischunterricht mithalten, ohne abgehängt zu werden?

Keine Fehlzeiten trotz Krankheit

Kranke Kinder haben ein Recht auf Unterricht. Daher gibt es in Deutschland an vielen Kliniken sogenannte Klinikschulen. In Tübingen ist die Klinikschule eine staatliche Einrichtung, Träger ist das Land Baden-Württemberg. Sie ist Teil des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums und steht in enger Zusammenarbeit mit dem Klinikum. Unterrichtet werden im Schnitt 155 Schülerinnen und Schüler von 40 Lehrkräften – 30 sind Stammpersonal der Klinikschule, 10 Lehrkräfte sind von hiesigen Schulen abgeordnet. Schülerinnen und Schüler der Klinikschule kommen somit der Schulpflicht nach und haben in ihren Heimatschulen keine Fehlzeiten. Die Schule gliedert sich in verschiedene Bereiche: die psychiatrisch und chronisch kranken Patienten und Patientinnen werden in kleinen Gruppen unterrichtet. In der Kinderklinik kommen die Lehrkräfte zum Einzelunterricht ans Bett der Kranken. Zudem gibt es eine Außenstelle der Klinikschule in Reutlingen und Rottenburg.

Hier komme die Beratung der Klinikschule ins Spiel. Um eine Lösung zu finden, setzten sich die Patientin, die Beratungslehrerin an der Klinikschule, die Eltern und die Fachlehrerinnen und Fachlehrer an der Heimatschule zusammen. Das Ergebnis: Die Schülerin konnte die Klausur nachschreiben und dafür an der Klinikschule mit dem Material aus der Heimatschule lernen. Wenn nötig, können an der Klinikschule auch Klausuren geschrieben oder mündliche Prüfungen abgenommen werden.

Unterricht am Bett

Auf den Stationen der Kinderklinik oben auf dem Berg gibt es keine Klassenräume, die Kinder sind zu krank und zu schwach für einen Unterricht in einem separaten Raum: Sie haben Krebs, sind transplantiert oder müssen zur Dialyse. Hier wird direkt am Bett gelernt – je nachdem, wie fit die Kinder oder Jugendlichen sind, mal nur ein paar Vokabeln, mal eine Stunde lang binomische Formeln in Mathe. Jedes Kind bekommt den Stoff vermittelt, der auf seinem Lehrplan steht – aber so, dass es gut damit zurechtkommt.

Der Unterricht wird eingebettet in die Therapie, die Lehrkräfte haben engen Kontakt zum Pflegepersonal und den Ärzten und Ärztinnen. Auch in der Kinderklinik ist die Beratung durch die Lehrkräfte sehr wichtig. „Sie sind in engem Kontakt mit den Heimatschulen“, erklärt Rupsch. Dort gehen die Lehrerinnen und Lehrer auch in die jeweilige Klasse und sprechen über die Erkrankung.

Nicht selten sei dabei der Tod ein Thema, das nicht tabuisiert werden dürfe. Auch für die Lehrkräfte an der Klinikschule sei es belastend, dass manche Kinder versterben. Schließlich baue man eine sehr persönliche Beziehung zu ihnen und den Familien auf. Auch mit Schmerz und Trauer müsse man deshalb umgehen können. Hier sei es wichtig, dass man sich im Kollegium gegenseitig unterstützen könne.

Experten

Christina Rupsch
Christina Rupsch
Leitung
Schulstelle Kinderklinik

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