Ob Farben erkennen, Kontraste wahrnehmen oder an Dunkelheit anpassen: Das Sehen ist ein komplexer Prozess. Durch die Netzhaut und ihre zahlreichen Sinneszellen – die sogenannten Stäbchen und Zäpfchen – wird das Sehen gesteuert. Bei der erblichen Netzhautdystrophie (retinale Dystrophien) werden die Sinneszellen jedoch zunehmend zerstört. Erste Beschwerden wie Nachtblindheit, reduzierte Sehschärfe, Farbsinnstörung und Gesichtsfeldausfälle treten meist in der frühen Kindheit auf.
Gendefekte, die die Funktion der Netzhaut einschränken, sind Auslöser für retinale Dystrophien. Heutzutage sind zahlreiche Gene bekannt, deren Veränderungen für eine Netzhautdystrophie ursächlich sein können. Eines davon ist das Gen RPE65.
„Bei dieser frühkindlichen Netzhautdystrophie handelt es sich um Mutationen des Gens RPE65, eines Enzyms des Retinal-Regerationszyklus. Kinder erkranken nur dann, wenn beide Eltern Träger eines defekten Allels sind“, erklärt Prof. Dr. Katarina Stingl, Leiterin der Spezialsprechstunde für erbliche Netzhauterkrankungen an der Tübinger Universitäts-Augenklinik. Für die Diagnose ist deswegen immer eine genetische Analyse des Patienten oder der Patientin sowie der Eltern notwendig.
Neue Möglichkeiten durch Gentherapie
Hoffnung für Betroffene gibt es seit Ende 2018 dank der ersten zugelassenen Genersatztherapie. Bei der Behandlung wird eine korrekte Version des Gens RPE65 über einen viralen Vektor in die Netzhaut transportiert, um das mutierte Gen in den Zielzellen zu ersetzen. Das kann die Sehkraft zumindest teilweise wiederherstellen: „Die Funktion der Stäbchen nimmt zu und es kommt zu einer Verbesserung der Netzhautempfindlichkeit und Dunkeladaption“, so Stingl. „Wir vermuten auch, dass langfristig die Zerstörung des Gewebes abnimmt.“
Die dadurch bessere Orientierung ist für die Betroffenen ein großer Gewinn an Lebensqualität, weiß Stingl: „Ein neunjähriges Kind war nach dem Eingriff in der Lage, im Schwimmbecken Objekte vom Boden zu greifen. Das war zuvor unmöglich.“
Wann mit der Gentherapie begonnen wird, spielt beim Erfolg der Behandlung eine wichtige Rolle, denn umso fortgeschrittener die Degeneration ist, desto weniger Zielzellen können erreicht werden. Um den individuellen Therapieeffekt besser darstellen und beurteilen zu können, forscht das Team um Katarina Stingl aktuell an neuen gezielteren Untersuchungsmaßnahmen.