Anna sitzt vor einem Bildschirm und die Szene, die sich dort abspielt, ist nervig: ein Wartezimmer voller Menschen, ein Baby schreit, Leute unterhalten sich lautstark oder streiten. Dann kehrt Ruhe ein, die Menschen setzen sich. Das schafft Anna allein kraft ihrer Gedanken, besser gesagt mit der elektrischen Aktivität ihres Gehirns: Diese wird mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) aufgenommen. Anna, die mit ihrem richtigen Namen nicht genannt werden möchte, hat gelernt, die Avatare nur mithilfe ihrer Hirnaktivität zu steuern.
Neurofeedback nennt sich diese Methode, die Anna als PTBS-Patientin an der Tübinger Uniklinik für Allgemeine Psychiatrie und Psychotherapie einsetzt. „Menschen mit der Diagnose PTBS haben in ihrer Vergangenheit traumatische Situationen erlebt, etwa körperliche Gewalt, sexuellen Missbrauch oder schlimme Unfälle. Diese Ereignisse führen zu heftigen Stressreaktionen, die bei Betroffenen später im Alltag immer wiederkehren“, erklärt Dr. Beatrix Barth, Leiterin der Studie. Betroffene seien grundsätzlich in Alarmbereitschaft, der Körper reagiere auch in harmlosen Situationen gestresst. Kehrt dies immer wieder, leiden Betroffene dauerhaft unter diversen Problemen, wie etwa Schlaf- oder Konzentrationsstörungen – und meist ist das soziale Miteinander gestört.
Auch Anna hat damit ein Problem: Die Studentin kann keine Nähe zulassen und hat Schwierigkeiten, ihre Gefühle richtig einzuordnen. Anna wurde als Kind von ihren Eltern körperlich und psychisch dauerhaft misshandelt. Es reichte schon, wenn das kleine aufgeweckte Mädchen im Kindergarten mal getadelt wurde. „Wenn mein Vater dies erfahren hat, holte er daheim den Gürtel raus und hat mich geschlagen. Meine Mutter erklärte ihm zwar, er solle doch bitte nur mit der Hand schlagen. Doch sie hat mir signalisiert, dass ich selbst schuld bin“, erinnert sich die 23-Jährige.
Mit dieser Gewalt musste sie leben, bis sie mit 18 Jahren ausgezogen ist. Die Folgen sind weitreichend: unter anderem litt sie an Essstörungen, hat sich selbst einen unglaublichen Leistungsdruck auferlegt, bis sie fast daran zerbrochen wäre. Bei jeder Kleinigkeit wurde sie aggressiv. „Vor zwei Jahren war mir klar, dass ich Hilfe brauche. Ich habe mich mühsam durchtelefoniert und schließlich eine Therapeutin gefunden, die mich wiederum an eine Traumatherapeutin überwiesen hat“, sagt die Studentin. An der Uni habe sie von der Studie und dem Neurofeedback erfahren.
Die neurobiologischen Ursachen sind zwar noch nicht endgültig geklärt, aber es zeigt sich, dass bei PTBS die Aktivität einer bestimmten Hirnregion, der Amygdala, erhöht ist. „Die Amygdala ist vereinfacht gesagt das Angstzentrum. Diese Region ist bei negativen Gefühlen und Gedanken aktiv“, erklärt Dr. Ann-Christine Ehlis, Leiterin der Arbeitsgruppe Psychophysiologie. Drohe Gefahr, werde die Amygdala aktiviert. Sei die Gefahr gebannt, werde die Aktivität bei gesunden Menschen wieder heruntergeregelt, ebenso bei einem Fehlalarm, wenn also eine Situation zu Unrecht als belastend eingeschätzt worden sei. Bei der PTBS hingegen sei diese Regelung gestört.
Das soll mithilfe von Neurofeedback korrigiert werden. Doch das ist gar nicht so einfach: Da die Amygdala tief im Innern des Gehirns liegt, kann sie vom EEG nicht erfasst werden. Sie kann nur mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) gemessen werden. Doch das ist aufwendig und teuer.
Um die Vorteile beider Messmethoden (fMRT und EEG) zu kombinieren, hat das Team von Prof. Talma Hendler an der Universität Tel Aviv Studien mit gleichzeitigen EEG- und fMRI-Aufnahmen durchgeführt. Durch die Anwendung moderner Machine-Learning-Algorithmen konnten sie die Daten der beiden Modalitäten verknüpfen, um die vom Blutsauerstoffgehalt abhängige fMRTAktivität etwa in der Amygdala allein auf Grundlage des EEGs vorherzusagen – und so mittels EEG ein Neurofeedback der tiefliegenden Amygdala zu ermöglichen.
Zunächst war es mir ein Rätsel, wie ich die Avatare auf dem Bildschirm ruhigstellen kann. Dann habe ich gemerkt, ich kann sie steuern, wenn ich an Musik denke. Dabei ist es völlig egal, welche Art von Musik“, berichtet Anna. Und dabei ist ihr aufgefallen: „Unbewusst habe ich Musik in meinen Gedanken auch früher schon eingesetzt, um mich zu beruhigen.“
Ob und wie sich das nun in stressigen Situationen im Alltag einsetzen lässt, wird sich zeigen. Anna ist optimistisch. Auch die Wissenschaftlerinnen glauben, dass Neurofeedback im Alltag helfen kann: „Je häufiger es genutzt wird, desto besser wird es ge- übt, desto eher kann die Aktivität der Amygdala reduziert werden. Das läuft dann gewissermaßen automatisch“, sagt Ehlis. Allerdings kann und soll das Neurofeedback keine Therapie und auch keine Medikamente ersetzen, vielmehr könnte es zusätzlich eingesetzt werden.