Zum ersten Mal ist es gelungen, eine genetisch bedingte Schwerhörigkeit mit einer Gentherapie zu behandeln. Grundlage dafür sind die Forschungsergebnisse einer Wissenschaftlerin der Medizinischen Fakultät Tübingen. Und das ist erst der Anfang.
Aissam Dam liebt Geräusche. Das Brummen von Autos, den Sound eines Aufzuges, das Geklapper der Schere, wenn ihm der Friseur die Haare schneidet. Der 11-jährige Junge aus Spanien hört das erst seit Kurzem. Fast sein ganzes Leben lang konnte er nichts davon erfassen. Er litt unter einer sehr seltenen Form der hochgradigen Schwerhörigkeit, die durch eine Mutation des Gens Otoferlin verursacht wird. Weltweit sind etwa 200.000 Menschen von einer Otoferlin Schwerhörigkeit betroffen.
Seit einiger Zeit ist nun eine Gentherapie für diesen angeborenen Hörverlust in der klinischen Prüfung. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Ohrenheilkunde, dass das Gehör eines bis dahin gehörlosen Menschen mittels Gentherapie spürbar verbessert wird. Ein medizinischer Durchbruch, der auch auf der unermüdlichen Grundlagenforschung der Tübinger Wissenschaftlerin Prof. Dr. Ellen Reisinger basiert. „Wir haben mehr als zehn Jahre dazu geforscht“, sagt die Professorin für Gentherapie für Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit, die an der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde (HNO) beschäftigt ist.
Anfangs sei die Skepsis in den Fachkreisen groß gewesen. Denn der Ansatz von Reisinger war kühn – und bislang unbekannt im HNO-Bereich. Die Forscherin und ihr Team suchten nach einer Möglichkeit, das mutierte Otoferlin-Gen durch ein gesundes Gen zu ersetzen. Durch das defekte Otoferlin-Gen fehlt ein Protein in den Haarzellen des Innenohrs, das für die Weiterleitung von Schall an das Gehirn notwendig ist. Doch wie bringt man ein funktionstüchtiges Gen in das Innenohr, damit es dort seine schallvermittelnde Wirkung entfalten kann?
„Unsere Idee war, die genetische Information auf zwei harmlose Viren aufzuteilen, diese in die Sinneszellen zu schleusen und dort wieder zusammenzubauen“, erklärt Ellen Reisinger ihr Vorgehen. Die Viren funktionieren dabei wie ein Taxi, sie dringen in die Sinneszellen im Innenohr ein und hinterlassen in deren Zellkern genetische Informationen über das Otoferlin-Gen. „In der Augenheilkunde gab es schon entsprechende Ansätze, darum hielt ich das für die beste Idee“, erzählt die Biologin. „Für das Ohr hatte das noch niemand gemacht, da waren wir die ersten.“
Zahlreiche experimentelle Studien an Zellkulturen und in Tiermodellen waren in den Folgejahren nötig, um die These zu erproben. „Nach einem Jahr hat es zum ersten Mal an zwei präparierten Zellen geklappt“, berichtet Reisinger. Dann wurde der Ansatz an Mäusen erforscht, deren Otoferlin-Gen ebenfalls verändert war. Hier zeigte sich zum ersten Mal ein enormer Effekt: Auch wenn die Injektion in das Innenohr der Maus sehr schwierig und fehleranfällig ist, konnten von 100 zuvor gehörlosen Mäusen rund ein Viertel hören, nachdem sie die gesunden Gene per Viren-Transfer erhalten hatten.
Dass nun erstmals Menschen mit einem genetischen Hördefekt gentherapeutisch behandelt werden können, markiert einen Meilenstein. Im Oktober 2023 wurde Aissam Dam, der 11-jährige Junge aus Spanien, im Kinderkrankenhaus von Philadelphia behandelt und war damit die erste Person, die in den USA eine Gentherapie für angeborene Taubheit erhielt. Auch in China startete bereits bis Mitte vergangenen Jahres eine Studie mit sechs gehörlosen Kindern mit mutiertem Otoferlin-Gen. Bei fünf von ihnen verbesserte sich die Hörfähigkeit signifikant.
„Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, welches große Potenzial die Gentherapie für die Behandlung von genetischer Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde hat“, sagt Prof. Dr. Hubert Löwenheim, Ärztlicher Direktor der HNO-Klinik am Universitätsklinikum Tübingen. Mit Hochdruck arbeitet die Klinik deshalb daran, ihre Kapazitäten bei der genetischen Diagnostik von Hörschädigungen weiter auszubauen. Denn rund 80 Prozent der Fälle von angeborener Schwerhörigkeit sind genetisch bedingt.
„In 60 Prozent der Fälle können wir heute in Tübingen in dieser Altersgruppe auch sagen, welche Mutationen in welchem Gen dafür verantwortlich sind“, so Löwenheim. „Wir erhoffen uns, dass sich mehr Eltern entschließen, bei ihrem schwerhörigen Kind eine genetische Diagnostik durchzuführen. Denn für das erste Gen gibt es jetzt eine potenzielle klinische Therapie.“ Und weitere Gene werden folgen, davon ist Löwenheim überzeugt. „In den nächsten fünf Jahren werden wir wahrscheinlich fünf, wenn nicht zehn verschiedene Gene in der klinischen Prüfung haben“, prognostiziert der HNO-Experte.
Im Frühling 2025 ist auch in Tübingen erstmals ein Patient mit der neuen Gentherapie behandelt worden. Die Universitätsklinik forscht auch weiter in dem Bereich mit andauernden Studien. Ziel ist es, den Krankheitsverlauf bei Menschen mit einem mutierten Otoferlin-Gen genauer zu ergründen - um ihnen immer besser helfen zu können.
Unviersitätsklinikum Tübingen
So wie Aissam, dem Jungen aus Spanien. Sprechen hat er nie gelernt, auch jetzt ist Gesprochenes für ihn nicht zu entschlüsseln. Aber hören tut er es gern. „Es gibt keinen Ton, den ich nicht mag“, sagt er mithilfe von Gebärdensprache. „Sie sind alle gut.“ Welchen Klang er besonders mag? Aissam antwortet ohne Zögern: „Menschen.“