Als Stefan Tenoth merkte, dass er in der Mittagspause nicht mehr mit seinen Arbeitskollegen Schritt halten konnte, sagte er zunächst nichts. „Ich konnte einfach nicht mehr so schnell mitlaufen“, erinnert er sich. Die Multiple Sklerose hatte sein Leben da längst verändert. Die Diagnose erhielt er erst 2001, zehn Jahre nach den ersten Krankheitszeichen.
Einerseits sei es eine Erleichterung gewesen, endlich zu wissen, was los ist: „Es hat jetzt einen Namen. Ich weiß, was es ist.“ Doch eine schwelende Entzündung in der Halswirbelsäule beeinträchtigte seine Mobilität immer stärker. Zuletzt drohte er, die motorische Funktion im rechten Arm zu verlieren. Seine Angst war, irgendwann nur noch im Bett liegen zu können. Für ihn rückte damit eine Frage immer näher: Gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit, den Verlauf zu beeinflussen?
Multiple Sklerose, kurz MS, ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. PD Dr. Antje Giede-Jeppe, Oberärztin in der Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen am Universitätsklinikum Tübingen, sagt: „Die Ausprägung der Erkrankung kann sehr, sehr vielgestaltig sein“. Besonders in der Frühphase verläuft sie zumeist schubförmig. Schubsymptome können zum Beispiel Sehstörungen, Gangstörungen, Halbseitenlähmungen, Kribbelgefühle oder Schwindel sein.
Am Universitätsklinikum Tübingen wurde Stefan Tenoth im Rahmen eines individuellen Heilversuchs behandelt. Dr. Giede-Jeppe sagt, man sei froh, „Patienten und Patientinnen, die keine zugelassenen, leitlinien-gerechten Therapieoptionen mehr haben, einen innovativen Behandlungsversuch anbieten zu können“.
In Tübingen konnten bisher vier MS-Patientinnen und -Patienten mit den CAR-T-Zellen behandelt werden, alle ohne kurz- oder mittelfristige Nebenwirkungen, die nicht beherrschbar gewesen wären. Und bei allen Patienten schritt die Krankheit im kurzfristigen Verlauf nicht weiter voran. Das Interesse bei weiteren Betroffenen ist dementsprechend groß: Bald soll eine Phase 1 /2 Studie starten, „damit wir noch mehr Menschen diese Behandlung ermöglichen können“, sagt PD Dr. Giede-Jeppe. Es gebe bereits eine Warteliste.
CAR-T-Zellen sind Immunzellen aus dem eigenen Körper. Sie werden außerhalb des Körpers so verändert, dass sie kranke Zellen erkennen können, was auch im Kampf gegen Blutkrebs genutzt wird. Dass sie auch bei Autoimmunerkrankungen wie MS zum Einsatz kommen, ist noch neu. Ihr Vorteil ist, erklärt Prof. Dr. Claudia Lengerke, Ärztliche Direktorin Innere Medizin II und Leiterin des Zentrums für Zelltherapie, dass es sich um körpereigene Immunzellen handelt. Sie können sich im Körper daher freier bewegen und auch Orte erreichen, an die andere Substanzen nur schwer gelangen – zum Beispiel das Gehirn.
Bei der MS-Behandlung geht es darum, krankhafte B-Zellen auszuschalten. Danach können sich aus früheren Blutzellen wieder neue, gesunde B-Zellen bilden. Nach mehreren Monaten seien bei den behandelten Patientinnen und Patienten gesunde Zellen im Blut zu sehen, die auch Abwehrfunktionen übernehmen können. Die krankhaften Zellen seien nicht mehr nachweisbar. Prof. Dr. Lengerke ordnet das vorsichtig ein: „Das sind natürlich frühe Ergebnisse bei noch nicht vielen Patienten.“ Zugleich verbinde sich damit die Hoffnung, dass sich die Erkrankung dauerhaft stabilisieren lässt.
Der Prozess beginnt mit einer sogenannten Leukapherese. „Die Leukapherese läuft so ähnlich ab wie eine Blutspende“, erklärt Dr. Luca Hensen, stellvertretender Leiter der Herstellung im Gemeinsamen Stammzell- und Immunlabor. Anders als bei einer Blutspende braucht es aber nur bestimmte weiße Blutzellen, andere Bestandteile wie rote Blutzellen werden direkt zurückgegeben.
Im Labor werden die entnommenen Zellen analysiert, ausgewählte weiße Blutzellen isoliert und genetisch verändert. Danach wachsen die Zellen weiter, bis genügend CAR-T-Zellen vorhanden sind, um sie dem Patienten zurückzugeben. Ein Vorteil des Standorts Tübingen ist laut Lengerke der kurze Weg zum eigenen Labor: Die Zellen müssen nicht eingefroren und verschifft werden, wie es sonst oft der Fall wäre. „Diese Einfrierprozesse sind nicht förderlich für die Zellen“, sagt sie. In Tübingen können die Zellen frisch verarbeitet und so schnell den Patientinnen und Patienten zurückgegeben werden.
Von der Entnahme bis zur Infusion dauert der Prozess in Tübingen gerade mal zwölf Tage. Während die Zellen hergestellt werden, erhält der Patient bereits eine vorbereitende Therapie. Sie soll den CAR-T-Zellen Platz machen, damit sie sich entfalten, anwachsen und wirken können.
Für Stefan Tenoth und sein Umfeld war die Behandlung keine einfache Entscheidung. „Für mich war das halt in dem Moment die einzige Möglichkeit“, sagt er jedoch. Die Alternative wäre gewesen, nichts zu tun und die weitere Verschlechterung hinzunehmen.
Durch die Behandlung kann Stefan Tenoth zwar nicht plötzlich wieder laufen. Aber: Die Krankheit hat sich nicht weiter verschlechtert. Dinge, die er vorher nur mit Hilfe konnte, gelingen wieder selbstständiger, etwa sich im Bett selbst umzudrehen. Für seinen Alltag bedeutet das, dass er weniger Hilfe braucht und seine bestehenden Fähigkeiten länger erhalten kann. Es bedeutet ein wenig Hoffnung und Stabilität, wo vorher keine mehr war.
Stefan Tenoth selbst wandte sich im Frühjahr 2024 an Professor Lengerke, nachdem er ein SWR-Interview zur Behandlung eines Patienten mit einer anderen Autoimmunerkrankung gesehen hatte. Er ist der erste Patient, der in Tübingen bei MS eine Behandlung mit CAR-T-Zellen erhielt.