Universitätsklinikum Tübingen PULS
Unklare Sehstörungen

Probleme mit den Augen? Die Spezialambulanz hilft weiter

Manche Menschen leiden unter Sehstörungen, doch selbst nach zahlreichen Arztbesuchen bleibt die Ursache unklar. In solchen Fällen sind die Fachleute der Neuroophthalmologie gefragt, die sich auch mit seltenen Erkrankungen auskennen. An der Universitäts-Augenklinik Tübingen gibt es eine der wenigen Spezialambulanzen für diese komplexen Fälle.
24.02.2026
Brigitte Gisel
5 Minuten
Ein Augenarzt setzt einer Patientin, ältere Dame, kurzes blondes Haar, die Brille zum Sehtest auf. Sie lacht ihn an, wir blicken über seine Schulter.
Canva

Dass Patientinnen oder Patienten mit großen Taschen in ihr Sprechzimmer kommen, wundert Priv.-Doz. Dr. Carina Kelbsch längst nicht mehr. „Oftmals haben die Besucher mehrere Aktenordner mit ihrer Krankheitsgeschichte dabei“, sagt die Augenärztin, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Felix Tonagel die Neuroophthalmologische Ambulanz der Uni-Augenklinik leitet. „Typisch für unsere Patientinnen und Patienten ist, dass sie zuvor bei mehreren Augenärzten oder auch Neurologen und in mehreren Kliniken waren und der Befund trotzdem unklar bleibt“, erklärt Tonagel.

In Tübingen gibt es für solche Patientinnen und Patienten eine der seltenen Spezialambulanzen in Deutschland. Ihr Einzugsgebiet reicht bis in den Norden Deutschlands. Die Fachleute sind zuständig für Krankheiten, die die Signalübertragung zwischen Auge und Gehirn betreffen – und sie sind Spezialistinnen und Spezialisten für bestimmte Erkrankungen von Netzhaut, Sehnerv oder Tumoren der Sehbahn. In ihr Fachgebiet fallen zudem neurologische Erkrankungen, die sich wie Schlaganfälle oder Hirntumore auf die Sehkraft auswirken. Aber auch bei Gesichtsfeldausfällen oder Durchblutungsstörungen ist ihr Wissen gefragt.

Optikusscheidenmeningeom: Oft erst spät diagnostiziert

Der Arbeitsalltag in der Neuroophthalmologischen Ambulanz besteht aus Detektivarbeit. Die Fachleute sichten Unterlagen, veranlassen Untersuchungen und verfolgen Spuren. Manche der Krankheiten, die zu unklaren Sehstörungen führen, sind sehr selten. Einige lassen sich nur mit aufwendiger Spezialdiagnostik von anderen Ursachen abgrenzen. Oftmals ist aber auch eine ausführliche gezielte Anamneseerhebung der Schlüssel zur Lösung. Routine ist ein Fremdwort, Interdisziplinarität die Regel. „Wir behandeln nur seltene Erkrankungen, die aber den ganzen Tag“, so Tonagel.

„Ein typisches Beispiel ist das Optikusscheidenmeningeom“, sagt der Oberarzt. Der gutartige Tumor um den Sehnerv wird oft erst entdeckt, wenn die Betroffenen auf einem Auge kaum noch etwas sehen können. Tonagel kennt typische Leidensgeschichten: Niedergelassene Augenarztpraxen haben bereits eine Magnetresonanztomografie (MRT) anfertigen lassen und es wurde eine Sehnerventzündung diagnostiziert. Doch weder klingt die „Entzündung“ im weiteren Verlauf ab, noch hilft Cortison. Auch die für eine Sehnerventzündung typischen Augenbewegungsschmerzen fehlen. Also muss die Ursache eine andere sein.

Dünngeschichtete MRT-Aufnahmen mit den richtigen Sequenzen helfen dem Neuroophthalmologen, ein Optikusscheidenmeningeom zu entdecken. Mit hochspezialisierten Verfahren – etwa einem PET-CT – kann die Verdachtsdiagnose bestätigt werden. Entdecken sie dabei tatsächlich ein Meningeom, kann der Tumor bestrahlt und eine weitere Sehverschlechterung abgewendet werden. Dass Ärztinnen oder Ärzte ihn in der ersten Untersuchungsrunde nicht gefunden haben, kreidet Tonagel ihnen nicht an: „Das ist akut oft gar nicht zu unterscheiden.“

Seltene Erkrankungen wie LHON oder trockene Augen

„Ich mag die Sherlock-Holmes-Fälle“, sagt Kelbsch. Häufig gelinge es, durch eine Intervention eine Verschlechterung aufzuhalten und zumindest das zweite Auge zu retten. So zum Beispiel bei LHON, der Leber‘schen hereditären Optikusneuropathie. Die sehr seltene genetische Erkrankung führt dazu, dass sich die Sehkraft eines Auges ohne zunächst ersichtlichen Grund stark verschlechtert. Bei rechtzeitiger Behandlung bestehen Chancen, die Erkrankung aufzuhalten und ein Übergreifen auf das zweite Auge zu verhindern. Oft wird die Diagnose aber erst sehr spät gestellt.

In vielen Fällen hilft es den Patientinnen und Patienten schon sehr, überhaupt eine Ursache zu kennen, ergänzt Kelbsch. „Die Unsicherheit ist psychisch eine große Belastung.“ Das gilt auch für Erkrankungen, die weitaus ungefährlicher und auch leichter zu behandeln sind: Befeuchtungsstörungen, das sogenannte Sicca-Syndrom.
Trockene Augen jucken nicht nur, sie können sich auch auf Sehschärfe und Gesichtsfeld auswirken. „Manche Patienten kommen als Notfall, weil sich ihr Sehvermögen um 30 Prozent vermindert hat“, sagt Tonagel. Dabei helfen einfache Augentropfen.

Fehlende Diagnose belastet auch psychisch

In anderen Fällen suchen Eltern mit ihren Kindern die Ambulanz auf, weil in der Kinderarztpraxis vermutet wurde, ihr Kind könnte unter einer Pupillenstörung leiden. Dass die Pupillen zweier Augen etwas unterschiedlich groß sind, ist meist harmlos – es kann aber auch Folge einer neurologischen Erkrankung sein. Pupillenstörungen sind eines der Spezialgebiete von Carina Kelbsch.

Psychogene Sehstörungen sind eine weitere Kategorie, bei der der Spürsinn des Medizinerteams gefragt ist. Augen, Sehbahn und Gehirn sind dabei völlig gesund, die Personen sehen trotzdem schlecht. Hier gehe es auch darum, durch eine richtige Diagnose zu verhindern, dass die Betroffenen belastende Untersuchungen durchlaufen, obwohl es gar keine organischen Ursachen für ihr Leiden gibt, sagen die beiden. „Und, wir müssen die Chance verbessern, dass die tatsächliche – psychosomatische – Ursache behandelt wird“, ergänzt Kelbsch.


Experten

Prof. Dr. med. Carina Kelbsch, FEBO
Prof. Dr. med. Carina Kelbsch, FEBO
Oberärztin
Universitäts-Augenklinik
Mehr zu Person
PD Dr. med. Felix Tonagel
PD Dr. med. Felix Tonagel
Oberarzt
Universitäts-Augenklinik
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