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Der Professor rät: Wenn das Herz mitfiebert
Tübingen, 11.06.2010

Wir sprachen mit Prof. Andreas May, Kardiologe und Wissenschaftler auf dem Gebiet der koronaren Herzerkrankung am Tübinger Uniklinikum.
Die typischen Anzeichen eines Herzinfarktes sind plötzlich auftretendes und anhaltendes Enge- oder Druckgefühl im linken Brustkorb mit Ausstrahlung in die linke Schulter, den linken Arm oder in den Unterkieferbereich. Bei Frauen können die Beschwerden häufig auch atypisch verlaufen.
Der Infarkt entsteht, wenn sich ein Blutgefäß (Koronargefäß), das den Herzmuskel mit Blut, also Sauerstoff versorgt, verschließt. Diesem Vorgang liegen meist atherosklerotische Gefäßwandverkalkungen zugrunde. Wenn diese Kalkplaques "aufbrechen", bilden sich auf ihnen in Sekundenschnelle Blutgerinnsel (Thromben), die das Gefäß komplett verschließen können. Das von diesem Gefäß versorgte Gebiet des Herzmuskels stirbt ab, wenn keine rasche Wiedereröffnung erfolgt.
Sonne, Hitze, und Alkohol im Übermaß können zu Veränderungen im Elektrolythaushalt und zu Kreislaufproblemen führen und dadurch auch einen Herzinfarkt auslösen. Auch emotionaler Stress ist ein Faktor, der als Auslöser zu einem Herzinfarkt beitragen kann. Interessanterweise kam es zum Beispiel bei der Fußball-WM 2006 in München und Umgebung bei den heiß umkämpften Deutschland-Spielen zu gehäuften Notarzteinsätzen wegen Herzinfarkt.
Den Notarzt anrufen und bis zu dessen Eintreffen in Begleitung von Angehörigen oder Bekannten bleiben.
Aufrecht und bequem sitzend.
Je schneller das betroffene Gefäß wiedereröffnet ist, umso günstiger sind die Erholungschancen für das Herz.
Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt werden am Uniklinikum Tübingen sofort in einer speziellen Brustschmerzeinheit ("Chest Pain Unit") in der Kardiologie der Medizinischen Klinik (Ärztlicher Direktor Prof. Meinrad Gawaz) aufgenommen. Dort wird anhand der Symptomatik, der körperlichen Untersuchung und des EKGs rasch die Diagnose gestellt. Bei einem akuten Herzinfarkt kann zu jeder Tages- und Nachtzeit mit einer Herzkatheterbehandlung das verschlossene Gefäß wiedereröffnet werden.
Mehr zur Chest Pain Unit
Ja, dies sind vor allem Patienten mit Diabetes mellitus, Bluthochdruck oder Hypercholesterinämie sowie Raucher, übergewichtige Personen und Personen mit familiärer Belastung.
Müssen sich Patienten, die schon einen Infarkt hatten besonders in Acht nehmen?
Diese Patienten sollten in regelmäßiger fachärztlicher Betreuung sein und bestimmte Medikamente zur sogenannten Sekundärprophylaxe einnehmen. Darüber hinaus sollten sie versuchen, ihr individuelles Risiko durch eine Änderung ihres Lebensstils und/oder die Einnahme von Medikamenten zu senken. Rein medizinisch betrachtet sollten diese Patienten zur Fussball-WM und auch sonst die Chipstüte ungeöffnet lassen. Aber, so Prof. May schmunzelnd, ob sie beim etwaigen Elfmeterschießen im WM-Finale Deutschland gegen England zum deutlich weniger aufregenden Rosamunde Pilcher-Film oder Promi-Dinner wechseln, möchte ich allerdings jedem Patienten selbst überlassen.
Selbstverständlich. Ich hoffe, dass Deutschland eine gute WM spielt, glaube aber, dass im Finale Argentinien oder Spanien das Rennen machen!
