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14. Tübinger Suchttherapietage vom 23. bis 25.9.2009: „Modelle der Sucht und Suchttherapie auf dem Prüfstand“

Presseeinladung

15.09.2009

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

vom 23. bis 25. September 2009 finden die 14. Tübinger Suchttherapietage zum Thema "Modelle der Sucht und Suchttherapie auf dem Prüfstand" statt. Sie werden gemeinsam vom Forschungsschwerpunkt Suchtforschung der Universität Tübingen, vom Tübinger Förderverein für abstinente Alkoholkranke e.V., von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Tübingen (Sektion Suchtmedizin und Suchtforschung) sowie vom Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation gGmbH organisiert. Rund 200 Fachleute aus Praxis und Wissenschaft werden erwartet, die in 38 Veranstaltungen aktuelle Fragen der Suchtforschung und Suchttherapie diskutieren. Tagungsort ist das Theologikum in der Liebermeisterstr. 12, Tübingen.

 

Die 14. Tübinger Suchttherapietage 2009 konzentrieren sich auf die Modelle des Suchtverständnisses sowie der Suchttherapie und gehen insbesondere der Frage nach, ob differenzierte Therapieplanungen - psychotherapeutisch oder medikamentös orientiert - in der Suchtkrankenversorgung erfolgreicher sein können.

Themenschwerpunkte sind

  • die Versorgung Suchtkranker durch den Aufbau von Suchthilfenetzwerken auf Landkreisebene,
  • die Suchtprävention im schulischen Bereich
  • sowie die Behandlung von Patienten, die durch eine frühe Traumatisierung schlechtere Erfolgschancen bei der Suchtbehandlung haben.

Zur Vorstellung des Themas und des Gesamtprogramms möchten wir Sie

am Mittwoch, den 23.9.2009 um 13.30 Uhr
Seminarraum 1, Theologikum, Liebermeisterstr. 12, Tübingen

herzlich einladen.
Folgende Gesprächspartner werden Ihnen zur Verfügung stehen:

  • Dipl.-Psych. Thomas Bader, Geschäftsführer des Baden-Württembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation gGmbH / Drogenhilfe Tübingen e.V. und Vorsitzender des FDR (Fachverband Drogen- und Rauschmittel)
  • Prof. Dr. Anil Batra, Stv. Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Tübingen, Leiter der Sektion Suchtmedizin und Suchtforschung und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Aktionskreises Tabakentwöhnung (WAT) e.V.
  • Prof. Dr. Götz Mundle, Chefarzt der Oberbergklinik Schwarzwald, Ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken.

Mit freundlichen Grüßen


Dr. Ellen Katz

 

Die Einführungsvorlesungen am Mittwoch, den 23.09.2009 von 10 bis 13 Uhr, halten:

  • Karl Mann, Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin, ZI Mannheim:
    Predict - Chancen für eine differenzierte Therapieplanung von Alkoholabhängigen
  • Wilma Funke, Kliniken Wied:
    Therapiemodelle und Therapiealltag differentielle Behandlungsansätze in der Suchttherapie
  • Johannes Lindenmeyer, Salus Klinik Lindow: AMAZ - zur Krise des sozial-kognitiven Rückfallmodells
Abstracts von Mittwoch, den 23.09.2009

PREDICT - CHANCEN FÜR EINE DIFFERENZIERTE THERAPIEPLANUNG VON ALKOHOLABHÄNGIGEN
Karl Mann, Anil Batra, Michael Berner, N. Wodarz und das "PREDICT Studienteam"

 

Die Ergebnisse von Therapiestudien mit Alkoholabhängigen sind in der Regel ernüchternd. Wird beispielsweise ein Psychotherapieverfahren mit einem zweiten verglichen oder erfolgt der Vergleich zwischen einem Rückfallprophylaxemedikament und Placebo so sind die Unterschiede gemessen an Effektstärken normalerweise eher gering. Dies liegt nicht nur an den weiter verbesserungsbedürftigen Therapieangeboten, sondern vor allem auch an den sehr heterogenen Stichproben. Es ist kaum einzusehen, dass dieselbe Psychotherapiemethode die bei ängstlichen alkoholabhängigen Patienten hilfreich ist auch bei impulsiven und primär "Kick suchenden" Patienten wirkt. Auch im Bereich der Pharmakotherapie kann nicht angenommen werden, dass Alkoholabhängige mit Störungen überwiegend in einem Neurotransmittersystem genau gleich behandelt werden sollen wie Patienten, deren Störung schwerpunktmäßig in einem anderen System angesiedelt ist. Dennoch wird genau dies in den entsprechenden klinischen Studien angenommen mit dem o. g. Ergebnis.
Ein Konsortium von vier baden-württembergischen und einer bayerischen Universität sowie die Suchtabteilungen von zwei psychiatrischen Landeskrankenhäusern haben eine Therapiestudie durchgeführt, die diesen Gesetzmäßigkeiten Rechnung trägt. Die PREDICT-Studie (Mann et al., 2009) versucht hypothesengeleitet Subgruppen von Alkoholabhängigen zu definieren, für die dann eine bestimmte Therapie indiziert sein sollte, wobei diese Erwartung gleichzeitig empirisch geprüft wird. Die Studie wurde an 426 Patientinnen und Patienten durchgeführt. Im ersten Schritt wurde geprüft, inwiefern Naltrexon besser bei dopaminerg/opioderg vermittelten belohnungsabhängigen "Alkoholabhängigen" wirkt, während Acamprosat eher bei stressbetonten ängstlich-depressiven Patienten wirken sollte. In einem zweiten Schritt wurde geprüft, ob bei Rückfälligen ein gestuftes Vorgehen (stepped care Ansatz) sinnvoll ist, bei dem Rückfällige zusätzlich eine weitergehende Psychotherapie (Alko-holspezifische Psychotherapie, ASP, Brück & Mann, 2006) erhielten.
Erneut zeigten die globalen Ergebnisse keinen Unterschied zwischen den beiden Medikamenten und Placebo. Dies entspricht einer Reihe von Vorstudien. Wird jedoch die Subgruppenanalyse durchgeführt, so zeigt sich bei der Gabe von Naltrexon ein erwartungskonformes Ansprechen bei alkoholabhängigen Patienten. Dies war für Acamprosat nicht der Fall. Die Auswertungen bzgl. der zusätzlichen Psychotherapie sind derzeit noch nicht abgeschlossen. Nach Möglichkeit sollen Trendergebnisse berichtet werden.
Fazit für die Praxis: Es zeichnet sich ab, dass wir Untergruppen von Patienten definieren und dann gezielt behandeln können ("Personalisierte Medizin").


THERAPIEMODELLE UND THERAPIEALLTAG: DIFFERENTIELLE BEHANDLUNGSAN-SÄTZE IN DER SUCHTTHERAPIE
Wilma Funke


In der Behandlung von Abhängigkeitsstörungen sind seit vielen Jahrzehnten Bemühungen unternommen worden, differenzierte Störungsbilder zu entwerfen, entsprechend ausgefeilte diagnostische Werkzeuge zu entwickeln und eine empirische Grundlage für Therapieansätze zu schaffen sowie deren Erfolg und Effizienz nachzuweisen - mit wechselhaftem Erfolg und unterschiedlichen Implikationen für die therapeutischen Modelle, deren Bewertungen in der Fachwelt sowie deren Umsetzungen in der Praxis. Wissenschaft und Forschung funktionieren weitgehend gemäß der Befriedigung von Erkenntnisinteresse und dem Fortschritt in Theoriebildung und Technologieentwicklung. Die Implementierung in die Beratungs- und Behandlungspraxis folgt wesentlich anderen Bedürfnisbefriedigungen: der Sicherstellung einer angemessenen und anerkannten Behandlung unter fachlichen, wirtschaftlichen und (gesundheits-)politischen Interessen. So nimmt denn erfreulicherweise die Bedeutung von Implementierungsstrategien und Transferüberlegungen in den Vorgaben für Forschungsprojekte zu, die sich mit Intervention und Prävention beschäftigen.
Es entsteht beim "aufgeklärten" Praktiker nicht selten die Notwendigkeit des Spagats zwischen fachlich Wünschenswertem und Empfohlenem auf der einen Seite sowie andererseits den vorhandenen Möglichkeiten aus dem Behandlungssystem heraus und dem faktisch dort Machbaren und "Erlaubten". Die Umsetzung dessen, was in der Fort- und Weiterbildung gelehrt und gelernt wird, und was in den Fachzeitschriften als empirisch fundierte und logisch sauber abgeleitete Intervention empfohlen wird, unterliegt eben auch der "evolutionären Bewährung" in der Alltagssituation der Behandlung und Beratung.
Leistungsträger in der medizinischen Rehabilitation bei Abhängigkeitsstörungen fordern und erwarten ein wissenschaftlich begründetes Behandlungskonzept von den Behandlungseinrichtungen, mit denen sie zusammenarbeiten. Andererseits regulieren sie z. B. über die Finanzierung, den Sollstellenplan, das Qualitätssicherungsprogramm und die Belegungsstrategie die entscheidenden Einflussfaktoren für die Weiterentwicklung und Optimierung der Behandlungsangebote. Dass dabei die empirische Fundierung als Ausweis wissenschaftlicher Güte teilweise auf der Strecke bleiben muss bzw. nicht so einfach einzulösen ist, zeigen auch die jüngeren Bemühungen um Fallgruppenentwicklung oder Klassifikationsansätze für Behandlungsleistungen im Rahmen der Leitliniendiskussion.
Welche Anforderungen ergeben sich für den Praktiker in der Suchtbehandlung, will er/sie den fachlichen und ethischen Anforderungen seiner Disziplin nachkommen und gleichzeitig die durchaus auch berechtigten Interessen an der (Mit-)Gestaltung der Behandlung durch den verantwortlichen Leistungsträger berücksichtigen? Wie sieht die Praxis zwischen An-passung an Anforderungen und Bewältigung des Behandlungsalltags in einem möglichst tragfähigen Kompromiss aus? Und wo bleiben der Patient und sein Behandler in der Gestaltung einer tragfähigen, zielorientierten Arbeitsbeziehung? Diesen und weiteren Aspekten wird sich dieser Beitrag aus Sicht eines forschungsoffenen Praktikers stellen und - möglicherweise - weitere Fragen aufwerfen.

 

AMAZ - ZUR KRISE DES SOZIALKOGNITIVEN RÜCKFALLMODELLS
Johannes Lindenmeyer

 

Das von Alan Marlatt 1985 vorgestellte Buch "Relapse Prevention" war für viele Jahre weltweit die einflussreichste Publikation im Suchtbereich. Der Vortrag analysiert, warum dagegen die in 2005 erschienene 2. Auflage seines Buches bis heute weitgehend unbeachtet blieb.
Das ursprüngliche Rückfallmodell von Marlatt 1985 war einfach und einleuchtend. Aus wenigen Grundannahmen zur Beziehung zwischen Risikosituation, Selbstwirksam-keitsüberzeugung und Bewältigungsfertigkeiten ließen sich entweder ein einmaliger Ausrutscher (Lapse), ein Rückfall oder die erfolgreiche Bewältigung einer Risikosituation vorhersagen. Allerdings konnte Marlatts Rückfallmodell empirisch nicht immer zweifelsfrei bestätig werden.
20 Jahre später hat Marlatt versucht, dieser Tatsache durch ein dynamisches Rückfallmodell Rechnung zu tragen mit Wechselwirkungen zwischen allen Variablen, die alle für sich lediglich einen sehr begrenzte Einfluss haben, in ihrem Zusammenwirken aber urplötzlich in einem Rückfall kulminieren können. Ein solches Modell ist allerdings als Grundlage für experimentelle Forschung oder gar therapeutische Interventionen nicht mehr von Nutzen, weil keine falsifizierbaren Hypothesen ableitbar sind.
Abschließend wird untersucht, inwieweit neuropsychologische Paradigmen dadurch einen Ausweg aus diesem Dilemma bieten könnten, dass sie ermöglichen, relevante psychische Prozesse und ihre therapeutische Veränderung bei Suchtkranken unabhängig von den subjektiven Angaben der Betroffenen zu erheben und therapeutisch zu beeinflussen.

 

Abstract von Donnerstag, den 24.09.09

INTERNETBASIERTE INTERVENTION IN DER SUCHTPRÄVENTION
Elisabeth Pott


Neben Fernsehspots, Anzeigenreihen und Plakatwerbung gewinnt innerhalb der medialen Gesundheitsförderung und Suchtprävention das Internet immer mehr an Bedeutung. Es bietet dem Nutzer die Möglichkeit, einen personalen Bezug mittels interaktiver Elemente herzustellen. Die Wirksamkeit der internetbasierten Maßnahmen der BZgA setzt an den Zielebenen der Wissensvermittlung, Einstellungs- und Verhaltensänderung an. Vorgestellt werden spezifische Zielgruppen der Sucht- und Drogenberatung, die mit internetbasierten Programmen erreicht werden sowie die Effekte, die hierbei erzielt werden können. Detailliert wird dabei auf die Programmstrukturen, Erreichbarkeit und Wirksamkeit drei etablierter Interventionsprogramme der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) eingegangen: Die webbasierte Ausstiegshilfe www.rauch-frei.info, für Jugendliche Raucherinnen und Raucher, das Reduktions- und Ausstiegsprogramm für Cannabiskonsumierende "quit the shit" und "check-dein-spiel", das für Glücksspielerinnen und Glücksspieler konzipiert Interventionsprogramm.

 

Abstract von Freitag, den 25.09.2009


BIODROGEN - WIRKUNGEN UND GEFAHREN
Leo Hermle


In den letzten Jahren häufen sich in den Medien Berichte über den Missbrauch so genannter Biodrogen. Seit Mitte der 90er Jahre ist ein neuer Trend zu beobachten: Unter dem Motto "Weg von der Chemie, hin zur Natur" wird von einem Teil der jungen Konsumenten auf pflanzliche Drogen und Pilze zurückgegriffen. "Biodrogen" umfasst eine Reihe von sehr verschiedenen Naturprodukten mit überwiegend halluzinogener Wirkung. Neben heimischen Pflanzen und Pilzen, werden auch über den einschlägigen Versandhandel beziehbare Saaten bezogen. Bevorzugt werden stimulierende und vor allem halluzinogen wirksame Produkte, einschließlich der aus der Vorzeit überlieferten sog. "Hexenrezepte".
Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist mangels verlässlicher epidemiologischer Daten schwer abschätzbar. In der Mehrzahl handelt es sich dabei um Probierverhalten und damit um einen kontrollierten Konsum, während höher frequenter Konsum selten zu beobachten ist. Die Gründe, diese einzunehmen, reichen von Entspannung, Neugierde und Suchtverhalten bis hin zu religiös motivierten Ritualen und dem Wunsch nach individuellen spirituellen Erfahrungen. In dem Vortrag soll eine Übersicht aktuell häufig konsumierten Biodrogen referiert werden, welche in Bezug auf die Rauschwirkungen, medizinische Komplikationen und psychische Störungen praxisrelevant dargestellt werden.

 


Ansprechpartner für weitere Information

Universitätsklinikum Tübingen
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Prof. Dr. Anil Batra
Tel. 07071/29-8 26 85 oder (Sekr.) 29-8 09 22
Fax 07071/29-53 84

 

 






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