Mit InfecTT von Tübingen nach Tokio – Teil 1
Der wissenschaftliche Austausch zwischen Deutschland und Japan hat zwar großes Potential, ist zurzeit aber noch nicht so ausgeprägt – und wird deshalb seit diesem Jahr im Rahmen des InfecTT-Austauschprogramms von der Baden-Württemberg-Stiftung gefördert. In den kommenden Jahren können insgesamt 12 Studierende der Universität Tübingen auf diese Weise für einen dreimonatigen Forschungsaustausch nach Tokio fliegen, einzige Bedingung: es muss im Bereich der Infektionsforschung sein. Umgekehrt können auch Studierende aus Tokio für Laborpraktika nach Tübingen kommen.
Nachdem ich bereits meine medizinische Doktorarbeit in der Virologie in Tübingen absolviert hatte, wollte ich diese Möglichkeit sehr gerne wahrnehmen und wurde hierbei von meinem Doktorvater Professor Daniel Sauter tatkräftig unterstützt. Der erste Schritt war es, ein geeignetes Labor zu finden. Von einer Konferenz in Deutschland kannte ich bereits einen Arbeitsgruppenleiter in Tokio, Professor Kei Sato, der am Institute of Medical Science (IMSUT) der Universität Tokio arbeitet. So stand für mich bereits fest, dass ich für das Forschungspraktikum im Sommer sehr gerne in seine Gruppe gehen würde. Professor Sauter stellte den Kontakt her und bereits im Februar hatte ich ein Interview mit der Gruppe in Tokio. Die Zusage folgte ein paar Tage später, somit blieb genügend Zeit für alles Organisatorische. Von Seiten des Labors in Tokio wurde ich sehr hilfsbereit und kompetent unterstützt. Da deutsche Staatsangehörige für Aufenthalte in Japan unter 90 Tagen kein Visum benötigen, war der administrative Aufwand insgesamt überschaubar und beschränkte sich hauptsächlich auf den Nachweis verschiedener Versicherungsdokumente.
So flog ich Ende Juli schließlich nach Tokio, womit mir vor Beginn des Praktikums insgesamt drei Tage Zeit zur Akklimatisierung blieben. Tokio im Sommer kann nämlich ein ziemlich extremes Erlebnis sein – bei Temperaturen um 35 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit fühlte ich mich bei der Ankunft eher an ein tropisches Klima erinnert. Da aber quasi alle Gebäude (inklusive des Labors) selbstverständlich Klimaanlagen haben, ist das im Alltag kein großes Problem. Die Stadt selbst ist mit einer Bevölkerung von etwa 14 Millionen beziehungsweise 37 Millionen im Ballungsraum um ein Vielfaches größer als die meisten europäischen Städte – der Kontrast zum beschaulichen Tübingen ist entsprechend eindrücklich –, somit dauert auch die Fahrt vom Flughafen Narita bis ins Stadtzentrum gut 90 Minuten.
Gleich zu Beginn stellte ich fest, dass ich mit meiner über AirBnB gebuchten Unterkunft im Stadtbezirk Minato glücklicherweise sehr zentral wohnte. Zum einen befindet sich auch das IMSUT und somit das Labor in diesem Viertel, zum anderen sind viele beliebte Tokioter Gegenden in der Nähe. Mit der U-Bahn ist in Tokio zwar fast jeder Stadtteil in unter einer Stunde erreichbar aber angenehmerweise ist die Stadt trotz ihrer enormen Größe recht ruhig und auch fußgängerfreundlich – die ausgezeichnete Verkehrsführung macht’s möglich!
Die paar Tage vor dem Beginn des Praktikums nutzte ich vor allem, um mir einen ersten Überblick über die Stadt zu verschaffen und mir einige der Top-Destinationen gleich ganz am Anfang anzuschauen. So überquerte ich die Shibuya Crossing, die belebteste Kreuzung der Welt, bestaunte die Hochhäuser, Leuchtreklamen und das Gewusel in den umliegenden Straßen, flanierte durch die kaiserlichen Gärten und besuchte den Tokio Tower – eine fast identische, aber farbige Kopie des Eiffelturms.
Sehr schnell kam dann mein ersten Arbeitstag im Labor. Hier wurde ich sehr freundlich von einer Sekretärin in Empfang genommen und auch Professor Sato begrüßte mich kurz persönlich, bevor mir ein PostDoc die Laborabläufe erklärte. Schon in meinen ersten Gesprächen mit den Mitarbeiter*innen stellte ich erneut fest, was ich zuvor schon aus Berichten gehört hatte: Das Sato Lab ist tatsächlich eines der renommiertesten virologischen Labore in Japan und insbesondere im Bereich der Sarbecovirus-Forschung (hierzu gehören auch die Coronaviren) weltweit führend. Hierbei verbindet das Labor klassische Zellkulturforschung mit Tierexperimenten und modernen bioinformatischen Methoden und verfolgt somit einen klar interdisziplinären Ansatz. Ich freue mich sehr darauf, in den nächsten drei Monaten hier mitarbeiten zu dürfen...