Pupillenforschung

Die Pupille regelt den Lichteinfall auf die Netzhaut und ist ausschließlich vegetativ gesteuert. Untersuchungen und Aufzeichnungen des Pupillenverhaltens geben nicht nur objektiv Aufschluss über Funktionen der Netzhaut und Sehbahn, sondern auch über das zentralnervöse Aktivierungsniveau, Emotion und Kognition.

Ziel der Arbeitsgruppe ist der grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisgewinn über die Pupillenfunktion, hierauf aufbauend die Entwicklung klinischer Biomarker zur Charakterisierung und als Unterscheidungsmerkmal verschiedener neuro-retinaler Erkrankungen und damit langfristig die Etablierung der Pupillographie in der klinischen Routine.

Kontakt

Leitung

frontend.sr-only_#{element.icon}: Prof. Dr. Carina Kelbsch


E-Mail-Adresse: carina.kelbsch@med.uni-tuebingen.de



In den letzten Jahren konnte unter anderem eine große Normdatenbank für Pupillenreaktionen auf spezielle Stimulationsprotokolle zur selektiven Reizung von Zapfen oder Stäbchen der menschlichen Netzhaut entwickelt werden. Dafür kommt die in der Arbeitsgruppe entwickelte chromatische Pupillen-Campimetrie (CPC) zum Einsatz, die als weiteren Vorteil eine zuverlässige lokale Funktionsbeurteilung an unterschiedlichen Stellen des Gesichtsfelds ermöglicht.

Die Arbeitsgruppe ist an unterschiedlichen methodischen Ansätzen interessiert und untersucht eine Vielzahl an Krankheitsbildern. Im Zentrum steht die Neugier, die Pupille als Fenster neurophysiologischer Prozesse und als objektiven Funktionsparameter zu erforschen – sowohl in internationaler Zusammenarbeit als auch interdisziplinär, insbesondere an den Schnittstellen zur Neurologie.

Initiiert beim International Pupil Colloquium 2017 konnte unter Tübinger Federführung ein internationales Expertenteam von Pupillenforschern zusammengestellt werden, aus dem die heute etablierten Standards in Pupillography* hervorgingen.

Forschungsprojekte / Studien

Chromatische Pupillen-Campimetrie (CPC) bei erblichen Netzhautdegenerationen und neuroophthalmologischen Erkrankungen
Zur Beurteilung der lokalen Funktion der Netzhaut und des neuronalen Netzwerks werden Pupillenreaktionen auf Lichtreize unterschiedlicher Wellenlänge und Intensität an unterschiedlichen Orten des Gesichtsfeldes gemessen. Messungen von Patienten mit Netzhaut- oder Sehnervenerkrankungen werden mit Gesunden verglichen.

Schwarz weiß Zeichnung von einem Auge

Aktuelle Studien

Ziel dieses Projekts ist die Untersuchung der Abhängigkeit von reduzierter Pupillenlichtreaktion im blinden Halbfeld bei Hemianopsiepatienten von der Lichtintensität des Lichtreizes. Es soll außerdem untersucht werden, ob sich bei dieser Gruppe eine retrograde Ganglienzelldegeneration zeigt und ob diese mit der Pupillenlichtreaktion, dem Läsionsalter oder der Schlaganfalltherapie korreliert. Des Weiteren soll untersucht werden, in welchem Maße Gesichtsfelddefekte nach einer Ischämie zurückgehen und wie dies mit den o. g. Faktoren korreliert. Hierauf basierend soll ein verlässliches CPC-Protokoll für Hemianopsie-Patienten durch Posteriorischämie entwickelt werden. Hierfür werden Hemianopsiepatienten initial, sowie 1, 3, 6, 12 und 18 Monate nach dem Schlaganfallereignis untersucht.

Vorarbeiten:

Ziel ist die Analyse des Pupillary Escapes bei Patientengruppen mit Pathologien der inneren Netzhautschichten oder Störungen der synaptischen Verbindungen zwischen innerer und äußerer Netzhaut und damit langfristig möglicherweise die Etablierung des Escapes als weiteren diagnostischen pupillographischen Marker. Hierfür sollen Patienten mit X-chromosomaler Retinoschisis (XLRS) mit zentraler Beteiligung, Patienten mit kongenitaler stationärer Nachtblindheit (CSNB) und Patienten mit Z. n. retinalem arteriellem Gefäßverschluss (ZAV/AAV) untersucht werden.

Vorarbeiten:

Ziel ist die pupillographische Unterscheidung akuter Optikusneuropathien untereinander und von Gesunden sowie die Untersuchung des „Pupillary Escapes“ als möglichen Marker für eine Dysfunktion der inneren Netzhautschichten. Hierfür sollen Patienten mit akuter Optikusneuritis (NNO), Symptombeginn < 2 Wochen; Patienten mit akuter anteriorer ischämischer Optikusneuropathie (AION), Symptombeginn < 2 Wochen; und Patienten mit Leber´scher hereditärer Optikusneuropathie (LHON) (molekulargenetisch gesicherte Diagnose) untersucht werden.

Vorarbeiten:

Das PupilPanda-Projekt entstand aus einer Reihe von Studien, die untersuchten, wie wahrnehmungsbasierte Reize zur Erforschung der Sehfunktion auf verschiedenen physiologischen Ebenen eingesetzt werden können. Die Arbeit basiert auf Untersuchungen der Panda-Illusion, eines visuellen Reizes, der auf dem Prinzip der Pulsweitenmodulation beruht. Wir konnten zeigen, dass die Illusion vom visuellen System durch räumliche Tiefpassfilter dekodiert wird. Dies erklärt, warum eine reduzierte visuelle Auflösung die Sichtbarkeit des eingebetteten Pandas verbessern kann (Straßer et al., Scientific Reports, 2020). Diese Wahrnehmungseigenschaft stellte einen direkten Zusammenhang zwischen der Erkennbarkeit der Illusion und der Ortsfrequenz her.

Aufbauend auf diesem Konzept wurde die Illusion zunächst als Instrument zur Bestimmung der Sehschärfe evaluiert. Es zeigte sich, dass die Erkennbarkeitsschwellen systematisch mit der Ortsfrequenz und der Unschärfe variieren. Dies ermöglicht die Schätzung der funktionellen Sehschärfe mithilfe eines wahrnehmungsbasierten Reizes anstelle herkömmlicher Optotypen (Kelbsch et al., British Journal of Ophthalmology, 2023). Diese Ergebnisse etablierten die Panda-Illusion als kontrollierbare Sonde der visuellen Auflösung.

Im nächsten Schritt wurde das Paradigma von der Psychophysik auf die objektive Elektrophysiologie erweitert. In der Studie „Seeing the Panda“ wurde die Illusion in ein visuelles Oddball-Design eingebettet, um sowohl visuell evozierte Potenziale (VEP) als auch P300-Reaktionen auszulösen (Nikolaidou & Strasser, ISCEV 2025 Konferenz). Dieser Ansatz ermöglichte die simultane Untersuchung der frühen sensorischen Verarbeitung und der kognitiven Bewertung des Stimulus auf höherer Ebene. Die Ergebnisse zeigten, dass die Amplituden von VEP und P300 mit optischer Unschärfe und Ortsfrequenz kovariieren. Dies stützt die Annahme, dass refraktive und kognitive Aspekte der Sehschärfe in einem einheitlichen neuronalen Rahmen erfasst werden können. Nach dem Nachweis robuster kortikaler Effekte wurde das Paradigma auf die Pupillographie erweitert. In der Studie „Your pupil knows better: Functional Pupillography with the Panda Illusion“ (Nikolaidou, Schedel & Strasser, ARVO 2026 Konferenz) rief die Illusion zuverlässig ereigniskorrelierte Pupillenreaktionen hervor. Bemerkenswerterweise wichen die Pupillenerweiterungsmuster von den durch Tastendruck erfassten Reaktionen ab. Dies deutet darauf hin, dass autonome Reaktionen der reizgesteuerten Wahrnehmungsverarbeitung folgen, selbst wenn die bewusste Wahrnehmung inkonsistent ist. Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Pupillendynamik ein zusätzliches, objektives Fenster zur visuellen Verarbeitung bietet.

Vorarbeiten:

  • Straßer, T., Kurtenbach, A., Langrová, H. et al. The perception threshold of the panda illusion, a particular form of 2D pulse-width-modulated halftone, correlates with visual acuity. Sci Rep 10, 13095 (2020). https://doi.org/10.1038/s41598-020-69952-6 
  • Kelbsch C, Spieth B, Zrenner E, et alPandAcuity in paediatrics: a novel clinical measure of visual function based on the panda illusionBritish Journal of Ophthalmology 2023;107:582-586.


Methodenentwicklung

Methodenentwicklung der Tübinger Arbeitsgruppe Pupillenforschung

Mit dieser Langzeitaufzeichnung (11 Minuten) des Pupillendurchmessers unter standardisierten Bedingungen und quantitativer Analyse nutzt man den direkten Zusammenhang der spontanen Pupillenoszillationen in Dunkelheit mit dem Wachheit steuernden sympathischen Locus Coeruleus zu einer objektiven Messung der zentralnervösen Aktivierung. Der PST wurde von Prof. Barbara Wilhelm und Prof. Helmut Wilhelm in den 90er Jahren entwickelt, patentiert, zur Serie gebracht und in die Routine der Schlafmedizin und Schlafforschung eingeführt. Wir führen kontinuierlich wissenschaftliche Studien mit dem PST durch. 

Publikation:

  • von Lukowicz H, Poets CF, Peters T, Wilhelm B, Schlarb A, Urschitz MS. Validity of the Pupillographic Sleepiness Test for the diagnosis of daytime sleepiness in children and adolescents and its relationship to sleepiness-associated outcomes. Sleep Med. 2021 Jul;83:145-150. doi: 10.1016/j.sleep.2021.04.030. Epub 2021 Apr 28. PMID: 34015717.

Auf einem Bildschirm werden Lichtreize an unterschiedlichen Orten des Gesichtsfelds präsentiert und mittels einer Infrarotvideokamera die Pupillenweite kontinuierlich aufgezeichnet. Durch Wahl der Größe, Intensität und Farbe der Lichtreize sowie unterschiedlicher Adaptationszustände der Netzhaut können unterschiedliche Zellen der Netzhaut aktiviert werden. Dies erlaubt eine Aussage über die lokale Funktion von Zapfen und Stäbchen der Netzhaut, was auch bei der Evaluation neuartiger Therapiekonzepte eingesetzt wird. Sowohl Hardware als auch die Software des Campimetrie-Prototypen sind Entwicklungen unserer Arbeitsgruppe. Das Gerät findet Anwendung in mehreren wissenschaftlichen Studien unserer Klinik.

Publikationen:

 

Weitere Publikationen siehe unter Chromatische Pupillen-Campimetrie CPC bei erblichen Netzhautdegenerationen und neuroophthalmologischen Erkrankungen

Aufbauend auf dem Pupillographen der Firma AmTech haben wir einen Ganzfeld-Stimulator sowie eine externe Stimulationseinheit ergänzt, sodass eine großflächige Reizung der Netzhaut mit farbigem Licht enger Wellenlängenbandbreite möglich ist.

Publikationen:

  • Kelbsch CB, Maeda F, Strasser T, Peters TM, Wilhelm BJC, Wilhelm HM. Color Pupillography in Dorsal Midbrain Syndrome. J Neuroophthalmol. 2017 Sep;37(3):247-252. doi:10.1097/WNO.0000000000000527. PMID:     28708670
  • Kelbsch C, Maeda F, Lisowska J, Lisowski L, Strasser T, Stingl K, Wilhelm B, Wilhelm H, Peters T. Analysis of retinal function using chromatic pupillography in retinitis pigmentosa and the relationship to electrically evoked phosphene thresholds. Acta Ophthalmol. 2017 Jun;95(4):e261-e269. doi: 10.1111/aos.13259. Epub 2016 Sep 29. PMID: 27683070.
  • Maeda F, Kelbsch C, Straßer T, Skorkovská K, Peters T, Wilhelm B, Wilhelm H. Chromatic pupillography in hemianopia patients with homonymous visual field defects. Graefes Arch Clin Exp Ophthalmol. 2017 Sep;255(9):1837-1842. doi: 10.1007/s00417-017-3721-y. Epub 2017 Jun 30. PMID:    28687871
  • Kelbsch C, Maeda F, Strasser T, Blumenstock G, Wilhelm B, Wilhelm H, Peters T. Pupillary responses driven by ipRGCs and classical photoreceptors are impaired in glaucoma. Graefes Arch Clin Exp Ophthalmol. 2016 Jul;254(7):1361-70. doi: 10.1007/s00417-016-3351-9. Epub 2016 Apr 21. PMID: 27099948.
  • Richter P, Wilhelm H, Peters T, Luedtke H, Kurtenbach A, Jaegle H, Wilhelm B. The diagnostic accuracy of chromatic pupillary light responses in diseases of the outer and inner retina. Graefes Arch Clin Exp Ophthalmol. 2017 Mar;255(3):519-527. doi: 10.1007/s00417-016-3496-6. Epub 2016 Oct 26. PMID: 27785596.
  • Stingl KT, Kuehlewein L, Weisschuh N, Biskup S, Cremers FPM, Khan MI, Kelbsch C, Peters T, Ueffing M, Wilhelm B, Zrenner E, Stingl K. Chromatic Full-Field Stimulus Threshold and Pupillography as Functional Markers for Late-Stage, Early-Onset Retinitis Pigmentosa Caused by CRB1 Mutations. Transl Vis Sci Technol. 2019 Dec 20;8(6):45. doi: 10.1167/tvst.8.6.45. PMID: 31879567; PMCID: PMC6927735.

Automatisierter Swinging-Flashlight-Test mittels binokularer Pupillographie und exakter quantitativer Auswertung.

Ausgewählte Publikationen

  • Standards in Pupillography

    Kelbsch C, Strasser T, Chen Y, Feigl B, Gamlin PD, Kardon R, Peters T, Roecklein KA, Steinhauer SR, Szabadi E, Zele AJ, Wilhelm H, Wilhelm BJ. Front Neurol. 2019 Feb 22;10:129. doi: 10.3389/fneur.2019.00129. eCollection 2019. PMID: 30853933 Free PMC article. Review.

    Pubmed
  • Influencing Factors on Pupillary Light Responses as a Biomarker for Local Retinal Function in a Large Normative Cohort.

    Jendritza R, Stingl K, Strasser T, Jung R, Tonagel F, Richter P, Sonntag A, Peters T, Wilhelm H, Wilhelm B, Kelbsch C. Invest Ophthalmol Vis Sci. 2024 Jun 3;65(6):3. doi: 10.1167/iovs.65.6.3. Erratum in: Invest Ophthalmol Vis Sci. 2024 Dec 2;65(14):44. doi: 10.1167/iovs.65.14.44. PMID: 38829669; PMCID: PMC11156203.

    Pubmed
  • Chromatic pupil campimetry as objective diagnostic tool for progressive optic neuropathies.

    Edelmayer MV, Strasser T, Jung R, Sonntag A, Jendritza R, Tonagel F, Peters T, Wilhelm H, Wilhelm B, Kelbsch C. Doc Ophthalmol. 2025 Oct 15. doi: 10.1007/s10633-025-10054-x. Online ahead of print. PMID: 41094347

    Pubmed
  • How lesions at different locations along the visual pathway influence pupillary reactions to chromatic stimuli.

    Kelbsch C, Stingl K, Jung R, Kempf M, Richter P, Strasser T, Peters T, Wilhelm B, Wilhelm H, Tonagel F. Graefes Arch Clin Exp Ophthalmol. 2022 May;260(5):1675-1685. doi: 10.1007/s00417-021-05513-5. Epub 2021 Dec 13. PMID: 34902059 Free PMC article.

    Pubmed
  • Rod and Cone Function Measured Objectively by Chromatic Pupil Campimetry Show a Different Preservation Between Distinct Genotypes in Retinitis Pigmentosa.

    Kelbsch C, Kempf M, Jung R, Kortüm F, Reith M, Kuehlewein L, Kohl S, Strasser T, Peters T, Wilhelm H, Wilhelm B, Stingl K, Stingl K. Invest Ophthalmol Vis Sci. 2023 Aug 1;64(11):18. doi: 10.1167/iovs.64.11.18. PMID: 37578425 Free PMC article.

    Pubmed

Siehe auch

Siehe auch

Zertifikate und Verbände